Ist schon wieder Weihnachten? 10.Teil

April 15, 2011

Den zwölften Monat im Jahr würde ich ersatzlos streichen. Wieso war das Jahr eigentlich schon wieder zu Ende? Hatte es nicht gerade erst angefangen? In diesem Dezember nahm ich einige Kürzungen für die kleine Jungfer vor. Die Weihnachtsfeier im Kindergarten wurde gestrichen. Ich hab sie einfach zu Hause gelassen und Plätzchen mit ihr gebacken. Sie ahnte nicht einmal, dass es eine Weihnachtsfeier gab und so vermisste sie diese auch nicht. Da sie keinen Kontakt zu ihrem Vater hatte, fielen die unsäglichen Beutel mit Süßigkeiten dieses Jahr weg. Ihre Mutter bat ich, damit zurückhaltend zu sein. Diese Ansage befolgte sie gern. So behielten wir Jungfer unter Kontrolle. Auch das Weihnachtsfest war entspannter als das im letzten Jahr. Man merkte, dass sie älter wurde. Lediglich die Wochenenden waren immer noch unsere größten Herausforderungen. Die Strukturen sind am Wochenende andere, es wird später aufgestanden, es läuft alles ruhiger, nur die Essenzeiten sind dieselben wie im Kindergarten, aber die Rituale sind eben anders. Außerdem fehlt ihr die kontrollierte Beschäftigung, die die Erzieherinnen mit ihr leisteten. Doch an den Wochenenden haben auch die großen Jungfern ein Anrecht auf mich, die in der Woche durch die Schule schon auf mich verzichten müssen. Außerdem nimmt die kleine Jungfer in der Woche schon meine Aufmerksamkeit in Beschlag. Sie will natürlich auch in der Zeit zwischen Kindergarten und Abendbrot beschäftigt werden. Da sie mit den anderen Jungfern immer noch nicht zusammen spielen kann, ohne, dass die Fetzen fliegen, übernehme ich abends den Part. Das hat auch den Vorteil, dass ich das Spiel beenden kann zugunsten des Abendessens. Ohne weitere positive Aussichten, gäbe es bei Spielende regelmäßige Auseinandersetzungen, weil sie nicht aufhören möchte. Die Verlockungen auf Essen aber, sind einfach zu stark. Dem kann sie nicht wiederstehen. Wie weit ihre Fortschritte zu sehen waren, macht nichts deutlicher als die Abendbrotzeit.

Im Kindergarten erklärte man den Vorschulkindern die Uhr. Unsere kleine Jungfer war clever und ihr ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis signalisierte, „das brauchst du!“ Sie merkte sich die vollen und die halben Stunden. Wo zu welcher Uhrzeit die Zeiger standen, wenn es Mahlzeiten gibt. Da kam uns natürlich unser durchstruktuierter Alltag zu gute. Sie lernte unterbewusst nach der Uhr zu leben. Egal ob jemand Abend essen wollte oder nicht, Punkt achtzehn Uhr stand sie in der Küche und fing an den Tisch zu decken. Fragte alle ob sie mitessen wollten und egal wer in der Nähe war, ob Brot abgeschnitten werden können. Sie aß immer zwei Schnitten eine belegt mit Salami und eine mit Lyoner. Selten wich sie von ihrem Schema ab, kam etwas Neues auf den Tisch, lehnte sie erst einmal ab. Ich bot ihr dann immer erst einmal eine kleine Ecke von mir an, damit sie neue Geschmacksrichtungen kennenlernt. So konnte es schon passieren, dass sie, um mir einen Gefallen zu tun, das Gesicht jämmerlich verzog und sie mir sagte, wie gut das schmeckt. Es hat lange gedauert bis sie ihre wahre Meinung kundtun konnte und merkte, dass sie trotzdem ihr gewünschtes Essen bekam.

In den Therapiestunden gab es nur wenige Sternstunden für die Therapeutin. Eine Traumatherapie war mit ihr nicht möglich. So bereitete die Therapeutin sie auf die Besuchskontakte mit ihrer Mutter vor und arbeitete sie danach wieder auf. Sie versuchte ihr zu vermitteln warum sie nicht bei der Mutter und ihrer Schwester wohnte, dass ihr kleiner Bruder auch in einer Pflegefamilie wohnt. Warum sie manchmal so schlimme Alpträume hat und was man dagegen machen konnte. Es gab Stunden, da war ich dabei, doch meistens zog ich mich zurück und machte einen Stadtspaziergang. Für mich waren diese Tage immer gelaufen, ich war danach zu nichts mehr fähig, vor allem, wenn ich mit in die Therapie involviert war. Ich hatte die Stellvertreterposition für ihre Mutter übernommen und ich spürte, dass es mir gar nicht gut tat. Ich konnte es auch nicht richtig benennen, wie ich mich da fühlte, aber eine andere Psychologin sagte mir einmal, dass ich für mich nach der Therapie etwas tun müsse, damit diese Therapie nicht an mich rankommt, es ist nicht mein Trauma, aber durch die Therapie könnte es zu meinem Trauma werden. Ich konnte für mich nichts Richtiges finden, was ich als Therapieabschlussritual bezeichnen würde. Und so litt ich weiter von Therapie zu Therapie.

Die kleine Jungfer hat als Weihnachtsgeschenk eine von mir selbstgemachte Puppe bekommen, die fast so groß war wie sie selber. Es war die erste Puppe, die von ihr einen Namen bekam, „Emma“. Jungfer liebte ihre Emma abgöttisch und sie nahm sie in jede Therapiestunde mit. Und Emma musste leiden, sämtliche Wutausbrüche, lies sie an Emma aus. Sie schmiss sie durch die Gegend, boxte und verkloppte sie. Dann jedoch tröste sie Emma wieder. Es war die beste Idee die ich haben konnte. Emma war für Jungfer ein Segen.

Im Frühjahr war wieder Hilfplanung, die üblichen Besuche des Jugendamtes wurden absolviert, ich konnte von vielen kognitiven Fortschritten berichten. Doch eines bereite mir Bauchschmerzen. Jungfer wurde im Februar sechs Jahre alt, das bedeutet die Einschulung steht im Sommer bevor, wenn wir nicht die Zustimmung der Schulärztin bekommen, dass sie noch ein Jahr länger im Kindergarten bleiben kann. Das bedeutete wieder eine Begutachtung durch den sozialen Dienst.

Zur Einschulungsuntersuchung war die Leiterin der Kindertagesstätte zugegen. Zusammen konnten wir die Ärztin überzeugen, die Einschulung um ein Jahr zu verschieben. Wäre ich alleine gewesen, hätte es nicht so gut geklappt, Jungfer konnte tadellos auf alle Fragen antworten und wäre es nach der Ärztin gegangen, wäre sie schulfähig gewesen. Es war aber ein tolles Gefühl für mich, zusammen mit der Kleinen schon so viel erreicht zu haben. Wenn nur nicht ihre ständigen Ausbrüche wären.

Aufgeregt kam Jungfer von JanzWeitWeg in die Küche gerannt. Ihre Stimme überschlug sich fast und sie hielt mir ihre Polly Poket Collektion unter die Nase. „Siehst du, was sie damit gemacht hat? Siehst du das?“ Ich sah natürlich nichts, sie fuchtelte mit dem Kasten vor meiner Nase herum. „Halt doch mal still und erzähl langsam,“ bat ich sie. „Sie hat meine ganzen Polly Pokets zerschnippelt,“ schluchzte sie.

Jungfer von Uns kam ebenfalls aufgeregt in die Küche nickte heftig zur Bekräftigung, nicht viel später kam die laut heulende Jungfer von DingsBums. „Sie haben mir alles weggenommen,“ heulte sie mir entgegen. Danach ging das Theater erst einmal richtig los. Wutentbrannten schrien die großen Jungfern der kleinen Jungfer das begangene Unrecht entgegen. Sie hat gegen zwei elementare Regeln verstoßen, sie hatte sich an fremden Eigentum vergriffen und dieses dann auch noch zerstört. Sie forderten lautstark die Ahndung des begangenen Unrechtes. Ich schob die Großen aus der Küche und schritt zur Rechtsprechung. Dazu ging ich in die Hocke und sprach auf Augenhöhe mit der Täterin.

Ein Häufchen schluchzendes Elend stand vor mir. Unfähig irgendein Wort rauszubekommen. Ich erläuterte ihr das Unrecht was sie begangen hatte und erwartete ein bisschen Einsicht und Reue. Nichts, aber auch gar nichts sprach dafür, dass sie einsichtig war. Sie war plötzlich unheimlich still, die Lippen waren verkniffen und ein Blick versprach mir mindestens Tötungsabsichten. Dabei habe ich ihr noch nicht einmal das Strafmaß mitgeteilt, ich hatte nicht einmal eine Vorstellung, wie hoch dieses sein sollte. Ich bat sie ganz ruhig, sich doch bei Jungfer von JanzWeitWech zu entschuldigen. Das war nicht in ihrem Sinne, und sie begann ganz langsam mit knurren. Ich wusste nun was kam, das übliche Wochenendritual. Ich hatte darauf keinen Bock mehr, es lief immer nach demselben Schema ab. Sie regredierte wieder. Aus dem Knurren wurde ein leises Fiepen, die Füße fingen an mit scharren, erst ganz langsam. Ich sagte ihr, „versuch es gar nicht erst, du weißt wie das endet.“ Das scharren der Füße wurde nun heftiger, das Fiepen lauter. Die größeren Jungfern stürmten nun rein. „Was ist denn jetzt, was passiert mir ihr?“ Hilflos schaute ich die Mädchen an, ich zuckte die Schultern. „Zum Strafmaß bin ich noch nicht gekommen.“ „Aber sie hat doch alles kaputt gemacht.“ „Könnt ihr mir einen Tipp geben? Was soll ich jetzt machen? Ihr seht doch, sie ist jetzt nicht ansprechbar. Gleich geht das Geschrei los.“ Sie griff sich gerade den nächsten Stuhl, der in ihrer Nähe war und ruckelte daran. Sie hatte die letzten zwei Minuten einmal nicht unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. „Aber das kann doch nicht sein,“ jammerte Jungfer von JanzWeitWeg, „sie macht meine Sachen kaputt und wenn sie dann bestraft werden soll, macht sie ein Theater, als wäre ihr etwas passiert?“  Hilflosigkeit macht sich in mir breit. Ich hatte keine Ahnung, wie ich diese vertrackte Situation klären sollte.

Es ist tatsächlich ein Phänomen was ich beobachten konnte. Mal drastisch gesagt, der Täter fühlt sich als Opfer und führt sich auch dementsprechend auf. Wie soll man eine nunmehr Sechsjährige für ihr Vergehen zur Rechenschaft ziehen, wenn sie sich in ein Alter von zwei, drei Jahren flüchtet? Das Vergehen auch später zu ahnden, führte ständig zur gleichen Redregierung. Sie flüchtet vor den Konsequenzen ins Kleinkindalter.

Der Ausbruch der daraufhin erfolgte führte natürlich unweigerlich zu den üblichen Konsequenzen. Ich brachte sie in ihr Zimmer, dort tobte sie noch so lange, wie sie denkt Publikum zu haben. Sie weiß ja, dass sie wieder zu uns kommen kann, wenn sie sich beruhigt hat. Das tat sie dann auch. Wir, die beiden Jungfern und ich, sind immer noch voller Adrenalin, da steht sie dann grinsend in der Tür und fragt ob sie etwas zu essen bekommen könnte. Sie kann den Schalter einfach umlegen und im Gegensatz zu uns, einfach wieder zur Tagesordnung übergehen.

Wo ist meine Resettaste, ich will das auch können!

Beginn der Traumatherapie 9.Teil

April 20, 2010

Durch die ansteckende Krankheit, verzögerte sich der Neubeginn im Kindergarten. Jungfer von DingsBums hummelte schon, sie hatte eine große Sehnsucht nach gleichaltrigen Kindern, außerdem ist bei uns nicht soviel Entertainment, wie sie es gerne hätte. Sie entwickelte eine neue Marotte. Vielleicht waren es auch noch die Nachwirkungen meiner Kehlkopfentzündung. Jungfer hatte beschlossen nicht mehr zu hören. Sie reagierte auf keine Stimme, nur auf direkten Blickkontakt gab es eine Reaktion von ihr. Selbst als ich ihr ein Stück Schokolade angeboten hatte, kam keine Reaktion von ihr. Darüber machte ich mir dann doch meine Gedanken. Also machten wir uns am nächsten Morgen auf den Weg zur Ohrenärztin. Wir mussten auch gar nicht lange warten. Sie war auch wieder ganz die süße Kleine. Aber hören wollte sie bei ihr auch nicht. Sie beantwortete ihr keine Fragen, aber sie strahlte über das ganze Gesicht und ihre großen Augen funkelten. Der Hörtest brachte es ans Licht, alles im grünen Bereich. Keine Schwerhörigkeit, die Schwester hatte sie ausgetrickst, ihre Fragen hatte sie beantwortet und das Piepsen und Summen im Kopfhörer gefielen ihr sichtlich.

Und dann kam der große Tag des Kindergartens und die Freude war übergroß. Ich hatte es ihr am Vortag gar nicht erzählt, sonst hätte sie vor Aufregung wieder die ganze Familie aufgemischt und mit dem Schlaf wäre es vorbei gewesen.

Sie kam in die Vorschulgruppe. Diese ist nicht altersgemischt, was für sie ein großer Vorteil war, da sie vom Intellekt mehr gefördert wurde. Sie war die Kleinste und abgesehen von dem anderen integrativen Kind, ein hübscher Junge mit ausgeprägtem Autismus, war sie auch am weitesten von einem Schulbeginn entfernt.  Die erste Woche ging sie nur bis zum Mittagessen, zum schnuppern, aber es zeichnete sich schon ab, dass sie keine Berührungsängste hatte. Sie saß wieder bei jedem auf dem Schoß und wollte schmusen, streicheln und kuscheln. Neue Situation, Neubeginn, altes Muster. Wir waren wieder einmal am Anfang angelangt. Kleine Trippelschrittchen, die Ärmchen in Pfötchenstellung, meckerndes Lachen und die Kleinkindaussprache. Ich hatte die Leiterin und ihre Erzieherin schon vorher kontaktiert und ihre Problematik geschildert. Sie waren daher gewappnet. Wer gar nicht mit dieser Situation umgehen konnte, waren die Eltern der anderen Kinder. Es war ja auch schwer zu verstehen, sobald sich eine Mutter setzte, sprang ihr unsere Jungfer auf den Schoß. Anfangs fanden sie es ja noch niedlich, aber dann war es ihnen peinlich und auch lästig, vor allem, weil sie sich wie ein Kleinkind aufführt und das sah mit ihren fünf Jahren nicht mehr niedlich aus, sie machte einen sehr behinderten Eindruck. Die Erzieherinnen reagierten dann sehr vernünftige darauf und nahmen sie den hilflosenen Müttern ab. Auch bei ihren Ausbrüchen, hatten sie sie ganz gut im Griff. Im Gegensatz zum vorherigen Kindergarten, wusste man hier mit dieser Symptomatik umzugehen. Ein sehr beruhigendes Gefühl, so boten sie neben dem qualifizierten Personal auch noch Ergotherapie und Logopädie an. Für das kommende Jahr hatten wir das Kindergartenproblem gelöst. In diesem Kindergartenjahr sollte sie einen riesigen intellektuellen und motorischen Sprung machen. Konnte sie doch kaum malen, ihr fiel es sehr schwer Formen zu zeichnen. Mit der Schere arbeitete sie gern, aber sie konnte die Formen nicht ausschneiden, sie schnitt einfach wahllos darauf los. Am schwersten fielen ihr die menschlichen Körper. Wenn sie sie benennen wollte, sprach sie nie von Mann oder Frau, das waren Menschen und die kleinen Menschen waren eben die Kinder. Da kam uns ein neues Angebot der Kindergärtnerinnen sehr recht, erstmals boten sie in diesem Jahr Arbeitsgemeinschaften an. Jungfer war in jeder AG, ob Tanzen oder Malen, sie machte alles mit Hingabe. Solange sie nur beschäftigt war, hatte sie mit sich keine Probleme. Es war das ausgeglichenste Vierteljahr was wir je hatten. Und das hatten wir mit Blick auf das was kam, bitter nötig. 

Also auf zur nächsten Baustelle, sinnbildlich gesprochen. Es kam der September. Das neue Schuljahr war schon in vollem Gang. Der Termin bei der Traumatherapeutin stand an. Wir fuhren ab sofort einmal wöchentlich dreißig Kilometer weit, um in ihre Praxis zu kommen. Die ersten Sitzungen fanden in Ersatzräumen statt, ihre eigene Praxis wurde gerade saniert. Die ersten Stunden waren sehr einfach. Da die Therapeutin sie kaum verstand, blieb ich anwesend und dolmetschte. Ich erfuhr auch von ihr, dass es ziemlich lange dauern kann, bis sich Jungfer öffnet, also haben wir gespielt, gespielt und gemalt, gemalt und wieder gespielt.

Zwischendurch hat sie immer mal wieder versucht einige Entspannungsübungen mit ihr zu probieren, aber sie ließ es nicht zu. Sie kann in einer fremden Umgebung nicht die Augen schließen, dies haben wir schon in der Ergotherapie erlebt. Sie kann sich nicht einfach fallen lassen und an etwas Schönes denken. Genauso ist es mit Berührungen. Wenn sie Fremde berühren wollten, reagierte sie abwehrend, für sich selber hat sie aber keine Berührungsängste mit Fremden.

Sie wehrte sich gegen jeglichen Therapieversuch und so spielten wir wieder oder malten. Mittendrin wurden Fragen nach ihren Eltern gestellt, ihren Geschwistern, der Pflegefamilie, dem Kindergarten, dem Lieblingsspielzeug. Wie oft sie in diesem Jahr diese Fragen beantworten musste?

Dann kam der Tag, wo die Therapie in den neuen Räumlichkeiten stattfand. Sie benahm sich völlig desorientiert, als hätte sie auch die Therapeutin das erste Mal wahrgenommen. Sie war weder zu einem Spiel noch zu einer anderen Betätigung zu bewegen. Sie erkundete die gesamte Räumlichkeit auf allen Vieren, Quadratzentimeter für Quadratzentimeter, es warf uns um Wochen zurück, die Kennenlernphase begann von Neuem. Für die Therapeutin war es eine wichtige Erfahrung mit ihr, erfuhr sie doch dadurch, wie stark ihr Sicherheitsbedürfnis und wie wichtig ihr die Strukturen waren. Ich nahm aus diesen Sitzungen mit, wie viel wir schon erreicht haben, nur weil wir ihr die Möglichkeit boten, täglich die gleichen Strukturen zu leben. Es war für unsere Familie schon eine Umstellung, die alltäglichen Verrichtungen zu immer der gleichen Uhrzeit zu erledigen. Im Nachgang konnte ich uns für diese Konsequenz nur beglückwünschen, da sie uns, dass so schon komplizierte Miteinander erheblich erleichterte.

Sommerferien 8.Teil

Dezember 17, 2009

Dieses Jahr war Urlaub in Österreich angesagt. Der Burgherr hat für uns und unserer Omi, in seiner Pension eine Wohnung gebucht. So packten wir für einen Bergurlaub. Es war eine wunderschöne Landschaft, riesengroße Berge, schmale Schluchten, viel Grün, strahlender Sonnenschein. Die Zimmer waren sehr schön. Wir hatten im Zimmer eine Kochmöglichkeit, sodass wir uns auch selbst verpflegen konnten. Der Burgherr musste arbeiten und so erkundeten wir selbstständig diese traumhafte Landschaft. Wir fuhren durch richtige Märchenwälder und suchten uns ein Plätzchen für ein Picknick. Wir hatten einen Korb gepackt mit Brötchen, Wiener Würstchen, Kräuterbutter, Äpfel, Gurken, Schokoladenbrötchen, Kaffee, Wasser und Saft und einer großen Picknickdecke. Als wir einen abgeschiedenen Platz fanden, deckten wir unsere „Tafel“ und wir ließen uns das Dinner schmecken. An der frischen Luft schmeckte es noch besser und so blieb nur ein Wiener Würstchen übrig, dass ich natürlich auch noch los werden wollte. Bevor ich jedoch mein Angebot aussprechen konnte, schrie Jungfer von DingsBums ganz laut, „kann ich die bitte bekommen“? Wir alle guckten ungläubig und ich fragte sie, „bist du dir sicher, dass du sie noch schaffst? Du kaust doch noch an deinem Schokobrötchen“? Sie nickte eifrig und kaute schneller. „Also gut, hier bitte, aber auch aufessen“, sagte ich und reichte ihr das Würstchen. Freudig riss sie mir die Wurst aus der Hand und biss ab. Unser ungläubiger Blick war noch steigerungsfähig und wie verabredet, schüttelten wir uns alle und schrien auf. Ein lautes Bäh und Iiiiii hallte durch das Tal und diesmal guckte uns die kleine Jungfer ungläubig an. Jungfer von Uns schaute angeekelt und fragte, „schmeckt das? Du hast doch noch das Schokobrötchen im Mund“? Grinsend nickte sie und verstand nun, warum wir uns so echauffierten. Wie zum Trotz bis sie nun abwechselnd ins Schokobrötchen und danach in die Wiener. Wir hatten für diese Geschmacksverirrung kein Verständnis, aber es hielt uns natürlich nicht davon ab, unsere Erkundungen fortzusetzen. Wenn diese Landschaft, diese Berge, diese Farben der Natur für uns schon überwältigend war, erschlug es Jungfer von DingsBums förmlich. Sie konnte kaum geradeaus laufen, sie war immer nur am gucken. Hauptsächlich nach oben. Die hohen Berge hatten ihr es angetan. Wir mussten sie viel tragen, sonst wären wir nicht vorwärtsgekommen. Da kam es uns auch einmal zugute, dass sie mit ihren fünf Jahren noch nicht einmal sechzehn Kilo wog und auch gerad einmal einen Meter hoch war. Sie hat das erste Mal in ihrem jungen Leben bewusst die Natur wahrgenommen und zwar eine Natur, die nicht zu ihrem näheren Lebensumfeld gehört. Noch nie hatte sie solch gewaltige Berge gesehen, diese haben sie tatsächlich schwer beeindruckt, hielt sie doch unseren Berg an dessen Fuß unsere Burg steht, mit seinen vierhundertfünfzig Metern schon für hoch. Ihre späteren gemalten Bilder beinhalteten immer große Berge, Bäume, Wiesen und viele, viele Blumen und das über ein Jahr lang.

Kaum waren wir aus dem Urlaub zurück, ging es chaotisch weiter. Wir hatten keine Zeit uns wieder in den Alltag zu integrieren und die Regredierung der kleinen Jungfer zu erwarten. Beide Jungfern haben sich irgendwo mit Windpocken angesteckt und liefen wie Streuselkuchen herum. Während Jungfer von JanzWeitWech diese Unpässlichkeit locker wegsteckte, hatte Jungfer von DingsBums ganz schön Hitze. Sie lag straff und versuchte wirklich ihre Pusteln nicht aufzukratzen. Ich wusste was das für uns bedeutete. Nach der Genesung fangen wir bei Jungfer von DingsBums wieder ganz von vorne an. Sie benimmt sich dann wieder wie die Jungfer von vor zwei Jahren, es geht soweit, dass sogar die bis dahin erlernte Sprache weg ist. Das summseln ist wieder da, die Trippelschrittchen, die flatternden Pfötchen, das meckernde Lachen. Alles Erlernte war weg und es dauerte Wochen, ehe sie wieder auf dem alten Stand war. Doch nur ein Problem reichte nicht, ich bekam eine heftige Kehlkopfentzündung, was bedeutete, das ich keine klaren Worte heraus bekam, nicht einmal flüstern war diesmal drin. Für meine Familie wahrscheinlich ein Segen, für Jungfer von DingsBums der blanke Horror. Keine klare Ansage ihrer einzigen von ihr akzeptierten Kontaktperson. Auf mein fast Flüstern und Krächzen reagierte sie überhaupt nicht. Auch wenn ich ihr etwas Nettes vorkrächzte oder etwas Süßes anbot, keine Reaktion. Auf die anderen Familienmitglieder reagierte sie überhaupt nicht. Dieses Mal dauerte diese Entzündung auch besonders lange, ich hatte eine Woche zu kämpfen, um meine Stimme wiederzuerlangen. In dieser Zeit brachte mich Jungfer regelmäßig auf Einhundertachtzig. Sie machte tatsächlich, was sie wollte. Sie ging einfach aus dem Haus ohne Bescheid zu sagen. Ich konnte sie nicht einmal rufen, aus bekannten Gründen. Ich war nur am suchen. Auf meinen Vorwurf reagierte sie überhaupt nicht, weil ich sie nur ankrächzen konnte. Selbst geschwächt durch die Entzündung, war ich nah am verzweifeln. Dann kam der Morgen und ich feierte die Ankunft meiner Stimme. Und siehe da, Jungfer war wie ausgewechselt, sie war wieder ganz die Alte und erwartete meine Anweisungen. In dieser Krankenepoche fiel einer der wichtigsten Tage von Ehepaaren. Wir hatten Silberhochzeit. Da die Kinder aber immer noch ansteckend waren und meine körperliche Konstitution sehr geschwächt, sagten wir die Silberhochzeitsfeier ab und verschoben sie auf die goldene Hochzeit. So bekamen wir an unserem 25. Hochzeitstag eine Lieferung mit Pflanzringen, um unsere Stützmauer hinter dem Haus fertigzustellen, sie ist wie ein Mahnmal und wird uns immer an dieses Jahr erinnern.

 

 

 

Begutachtungen 7.Teil

Dezember 8, 2009

Und wieder ist ein Jahr vorbei. Weihnachten war wie immer sehr stressig, nicht nur, weil wir es ruhig und besinnlich haben wollten. Jungfer wollte absolut nicht akzeptieren, dass auch der schönste Heiligabend einmal zu Ende gehen muss. Der Tag war sehr schön und friedlich gewesen. Sie war voller Erwartungen und es war auch kein Problem mit dem Mittagsschlaf, wusste sie doch, dass irgendwann abends der Weihnachtsmann kommt, aber sie kannte kein Ende und so endete es wieder einmal mit viel Tamtam, völlig aus der Besinnlichkeit herausgerissen. Silvester ist sie eingeschlafen, bevor das Jahr rum war und das war auch okay so. Ihr fünfter Geburtstag stand ganz im Zeichen der Prinzen und Prinzessinnen. Sie hatte von ihrer Mutter zum Geburtstag ein schönes, natürlich rosafarbenes Prinzessinnenkleid bekommen. Das trug sie nun täglich. Für mich war es nur gut, konnte ich ihr doch damit zu verstehen geben, dass Prinzessinnen sich auch dementsprechend benehmen müssen. Das war für sie vollkommen in Ordnung, aber sobald das Kleid aus war, hatte ich die „alte“ Jungfer wieder.

In diesem Frühjahr absolvierten wir mit Jungfer von DingsBums ein Mammutprogramm an Terminen.

Für den siebenten April fand eine Anhörung vor Gericht statt, um das Sorgerecht und den Umgang der geschiedenen Eltern mit ihren Kindern zu regeln. Um diese Anhörung vorzubereiten kontaktierte uns Ende März als Erster, der Verfahrenspfleger der Jungfer von DingsBums.

Er musste sie kennenlernen, um ihre Interessen dementsprechend vor Gericht vertreten zu können. Nach zwei Minuten schüchtern spielen, saß sie auch schon auf seinem Schoß, streichelte und küsste ihn. Es war bezeichnend für ihre Distanzlosigkeit. Wir unterhielten uns über ihren Werdegang, über ihre früheste Kindheit, ihre Schwächen und auch über die Fortschritte die sie natürlich auch gemacht hat. Sie wurde befragt, wie es ihr geht, wo sie denn gern wohnen möchte, ob bei ihrer Mutter oder bei uns, was sie sich denn gern wünscht, was im Kindergarten los ist und was sie denn gern spielt. Eine richtige Antwort auf die Fragen konnte sie kaum geben, er verstand sie einfach nicht, sie summselte in ihre Händchen und rollte sich auf seinem Schoß wie ein Kleinkind zusammen.

Über die Schwere ihres Entwicklungsrückstandes und  über die Verhaltensproblematik des Mädchens verwundert, fragte er mich ob ich für Jungfer den doppelten Erziehungssatz bekommen? Meinen ungläubigen Blick folgende,  empfahl er mir, einen Antrag auf Erhöhung des Erziehungsgeldes zu stellen, bei der Schwere und dem erhöhten Förderungsbedarf, würde mir auf alle Fälle der doppelte Satz zu stehen. Ich fühlte mich von ihm gut verstanden und hatte damit auch für Jungfer von DingsBums ein gutes Gefühl für die Anhörung. Eine Woche später kam auch das Jugendamt als Vormund, als Pflegekinderdienst, als Sozialarbeiter. Es wurden die gleichen Fragen gestellt, sowohl an Jungfer als auch an mich. Wieder wurde sie gefragt, wo sie denn gern wohnen möchte, wie es ihr geht, was sie am liebsten spielt. Auch die Mitarbeiterinnen des Jugendamtes verstanden sie kaum, obwohl sie schon sehr große Fortschritte gemacht hatte. Doch sobald Besuch nach Hause kam oder irgend etwas von ihrem strukturierten Alltag abwich, fiel sie sofort ins Kleinkindalter zurück, das ging soweit, dass sie alles Erlernte vergaß. Nach solchen Besuchen und Befragungen hatten wir große Probleme sie wieder in ihr normales Alter zurück zu bekommen. War es die große ungeteilte Aufmerksamkeit die sie während dieser Zeit genoss oder die Erinnerungen, die ständig wieder aufgewühlt wurden, sie benahm sich wie das Kleinkind welches sie war, als sie zu uns gekommen ist und es dauerte Tage, bis sie wieder in ihr physisches Alter fand. In diesem Monat war es besonders extrem, zu den Befragungen von Verfahrenspfleger und Jugendamtsmitarbeitern kam noch eine Begutachtung in einer Tagesklinik. Was für sie bedeutete, dass sie in diesem Monat das dritte Mal auf die gleichen Fragen antworten musste. Die Tagesklinik wurde vom Jugendamt vorgeschlagen, um festzustellen, ob und  wie Jungfer noch besser gefördert werden konnte. Doch es stellte sich heraus, dass die Tagesklinik ungeeignet für sie ist. Sie war für Kinder gedacht, die keinen geregelten Alltag kennen. Dies ist nun keinesfalls ihr Problem, denn wenn jemand seine Strukturen liebte, dann war sie es. Im Gegenteil, ihr Problem waren die nicht festgelegten Strukturen, wie Wochenenden, wo auch wir einmal das Bedürfnis hatten, länger als bis um sechs zu schlafen oder auch Urlaub, diese Umstellung macht ihr auch zu schaffen.

Dann kam der Gerichtstermin, er fand ohne die Kleine statt. Dafür meldete sich die Richterin bei uns zu Hause zu einer Kindesbesichtigung an. Obwohl es noch eine Besichtigung war, war mir diese Option sehr sympathisch, zeigte es doch, wie viel Feingefühl die Richterin besaß. Bei einer Tasse Kaffe und Kuchen unterhielten wir uns locker über die Kinder und so ganz nebenbei stellte sie ihre Fragen an Jungfer, ohne dass sie merkte, dass sie eigentlich der Mittelpunkt des Besuches war. Und die Richterin ordnete an und was? Natürlich eine  Begutachtung. Ich durfte mich monieren, meine Bedenken vorbringen. Ich habe diskutiert, ich habe mit dem Pflegekinderdienst gesprochen, ich habe mit der Richterin gesprochen, wir hatten keine Chance, wir sind ja nur Pflegeeltern. Die Richterin klang für mich ja auch glaubhaft, sie musste sich rechtlich absichern, aber auf Kosten der Kinder? Wir dürfen und müssen die Kinder auffangen, die durch die Mühlen der Justiz gingen.

Die Begutachtung fand dann ziemlich zeitnah im Juli statt. Wir wurden sehr intensiv befragt, durch dieses Erzählen über doch einen Zeitraum von zwei Jahren, stellten wir erst einmal fest, was wir eigentlich geleistet hatten. Dies wurde uns auch von der Psychologin bestätigt. Und auch, was unsere kleine Jungfer schon aufgeholt hatte. In den zwei Stunden erhielt sie die Essenz von zwei schweren anstrengenden Jahren. Anschließend widmete sie sich der Hauptperson, mit ihr sprach sie alleine. Wo sie gern leben möchte, wie es ihr bei den Besuchskontakten geht, wie sie sich bei uns fühlt. Was für die Gutachterin wichtig war, war der Missbrauchsvorwurf gegen den leiblichen Vater. Dieser wurde nochmals mit ihr alleine zur Sprache gebracht und bestätigt. So konnte ein Besuchskontakt mit ihm konsequent ausgeschlossen werden. Außerdem empfahl sie eine Traumatherapie für Jungfer von DingsBums, sie gab mir auch gleich die Telefonnummer für die Therapeutin mit. Nach Rücksprache mit dem Jugendamt, vereinbarte ich einen Termin mit der Psychologin für September.

Nach dem Termin mit der Richterin, kam einen Monat später der Termin mit der Amtsärztin. Sie sollte den Antrag auf einen integrativen Kindergartenplatz befürworten. Dem konnte sie guten Gewissens stattgeben. So, wechselte sie im Juli den Kindergarten. Die Situation im alten Kindergarten hatte sich nicht entspannt. Die für sie zuständige Erzieherin war mit ihr total überfordert. Mit dem Kitawechsel fiel die Frühförderung von außen weg. Es fand mit der Therapeutin, der Jungfer und mir ein begutachtendes Gespräch statt. Wir waren übereinstimmend der Meinung, dass Jungfer sehr viel gelernt hatte. Es ist zwar noch sehr viel, was sie nachholen muss, aber gemessen an dem was sie vor zwei Jahren mitgebracht hat, hat sie sehr schnell aufgeholt und das lässt für die künftigen Jahre hoffen. Für uns war das Unwort des Jahres „Begutachtung“.

Doch vor dem Kindergartenwechsel, wollten wir noch in den Urlaub fahren.

Hilflos 6.Teil

Dezember 3, 2009

Den nächsten Besuchskontakt konnte ich nicht verhindern, wir hätten keine rechtliche Grundlage, wurde uns gesagt. Eine Anzeige gegen den Vater würde Jungfer in die Mühlen der Justiz bringen und sie würde daran zerbrechen. Da zeitnah ein neues Hilfeplangespräch stattfand, hat man die Besuchskontakte gekürzt, sie fanden nun einmal im Monat am Samstag statt, ohne Übernachtung. Jungfer selbst hat über diesen Vorfall nie wieder gesprochen, aber sie hat sich anders gegen die Besuchskontakte gewehrt.

Regelmäßig brach der Vater den Besuchskontakt ab. Regelmäßig erbrach sie sich beim Vater oder bekam hohes Fieber. Es war, als wehrte sie sich innerlich gegen die Besuche. Gesagt hat sie es nie, dass sie nicht zum Vater wollte, sie hat es anders ausgedrückt. Fast ein dreiviertel Jahr musste sie ihn noch besuchen, bis sie dann im Februar so krank wurde, dass sie eine Woche hoch fieberte, wieder nach einem Besuchskontakt. Sie hatte sonst keinerlei Symptome, nur extrem hohes Fieber. So schnell, wie es hoch ging, war es auch wieder verschwunden.

Im März stand ein neues Hilfeplangespräch an. Die für uns zuständige Sozialarbeiterin war für längere Zeit erkrankt und so lernte ich ihre Vertretung kennen. Als ich ihr schilderte, was nach den Besuchskontakten passierte, ordnete sie eine sofortige Umgangssperre an. Sie hatte die Schwere der Situation erkannt. Der Vater hat diese Maßnahme zur Kenntnis genommen und nur wenig dagegen interveniert. Er wäre sonst mit einer Anzeige konfrontiert worden.

Ein halbes Jahr früher wurde das Gericht von dem Vorfall während des Besuchskontaktes informiert. Die Eltern hatten die Scheidung eingereicht und das Sorgerecht beantragt, welches noch beim Jugendamt lag. Dafür bedurfte es wieder eines Gutachtens, das Zweite in einem Jahr. Der Vorwurf des Missbrauchs wurde soweit mir bekannt wurde, nie thematisiert, obwohl der Verdacht allen Beteiligten bekannt war. Als ich einmal in den Raum stellte, dass die siebenjährige Tochter noch beim Vater wohnte, bekam ich zur Antwort, sie hätten die Situation im Team besprochen, sie sähen derzeit keinen Handlungsbedarf, „die Grundversorgung“ sei gesichert (diesen Satz habe ich mir extra aufgeschrieben). Der Richter sah das anders und hat das Sorge- und Aufenthaltsbestimmungsrecht für die Schwester der Mutter zugesprochen. Diese hatte im Laufe des Jahres einen neuen Mann kennengelernt und ihr Leben grundlegend geändert.

Zur Begutachtung von Jungfer im Herbst konnte ich ein gutes und wichtiges Gespräch mit der Mutter führen, während Jungfers Vater mit seiner kleinen Tochter versuchte die Gutachterin davon zu überzeugen, dass er ein liebender Vater sei. Die Mutter selbst ist aufgewachsen unter einfachsten Verhältnissen. Mit einem Alkoholiker als Vater und einer Mutter, die dem nichts entgegenzusetzen hatte. So lernte sie schon mit Siebzehn, den zehn Jahre älteren Mann kennen, den sie dann auch heiratete, aus Angst keinen mehr abzubekommen, erwähnte sie noch. Sie fand sich äußerlich einfach unattraktiv. Obwohl sie um sein Alkoholproblem wusste, nahm sie doch seine Sucht in Kauf. Aber wenn man mit diesen Umständen aufgewachsen ist, hält man es sehr wahrscheinlich für normal. Es dauerte nicht lange, da wurde ihre erste Tochter geboren. Ihr Mann war auf Montage und sie als junge Mutter alleine mit dem Kind völlig überfordert. Wenn dann der Mann nach Hause kam, erwarteten sie Demütigungen und Schläge. So hat er sie einmal dermaßen in den Hintern getreten, dass es ihr den Steiß brach. Trotz der schlechten Ehe gebar sie noch zwei Kinder, unsere kleine Jungfer und ihren ein Jahr jüngeren Bruder.  Unsere Jungfer war von Geburt an ein Schreikind. Augenscheinlich wehrte sich damals schon ihr doch gut funktionierendes Unterbewusstsein gegen diese fürchterlichen Lebensumstände. Kinder lieben ihre Eltern, bedingungslos, wenn sie auf die Welt kommen. Sie können sich aber nicht wehren, gegen die Lebensführung ihrer Eltern, außerdem wissen sie ja nicht, dass ihr Leben nicht „optimal“ verläuft, da sie nie was anderes kennengelernt haben. Wie schon die Mutter ihr Leben für „normal“ hielt, so ist es auch für die Kinder normal in einer verdreckten Wohnung zu leben, sich mit den Geschwistern ein Bett zu teilen und um das Essen zu kämpfen, allein gelassen und eingeschlossen zu werden, sexuelle Praktiken der Eltern zu erleben. Für sie ist das ihr „normales“ Leben. Nur das Unterbewusstsein signalisiert, hier ist etwas nicht „normal“. Als Säugling und Kleinkind hat sie es mit Schreien versucht und bei dem Missbrauch durch den Vater mit physischen Symptomen, Brechreiz und hohes Fieber. Sie konnte nicht sagen, sie will nicht mehr zu ihrem Vater, denn sie liebt ihn und hat sich auch immer gefreut, wenn er sie abgeholt hat. Mir zerriss es das Herz, wenn ich sie wider Guten Gewissens, in seine Obhut gab. Ihm gegenüber musste ich mich zusammenreißen, ich konnte nicht mehr freundlich sein. Er hat den Vorwurf des Jugendamtes erst bestritten und dann ignoriert. Er ist jedoch nie vor Gericht gezogen, um sich das Besuchsrecht zu erkämpfen. Einerseits ist es für mich wie ein Schuldeingeständnis, andererseits war es gut für die kleine Jungfer, nicht diesen Justizmühlen ausgesetzt zu werden. Obwohl sie durch die gerichtlichen Auseinandersetzungen der Eltern sowieso schon mittendrin steckte und jährlichen Begutachtungen ausgesetzt war. Gäbe es da noch Steigerungsstufen?

Nachdem nun die Besuchskontakte mit dem Vater endgültig gestrichen wurden, wollte nun die Mutter regen Gebrauch davon machen, um ihre Tochter wieder zu bekommen. Die ersten beiden Jahre nahm sie diese Kontakte nur sehr sparsam war, sehr zum Leidwesen der kleinen Jungfer. Die Mutter beklagte dann immer, dass sich das Kind beim Abschied so schwer von ihr trennen wolle. Ich erklärte ihr dann, dass es daran liegt, dass sie nie weiß, wann sie sie wiedersieht. Eine Gewissheit und Regelmäßigkeit wäre da sehr hilfreich. Das fand sie einleuchtend und im Rahmen ihrer Möglichkeiten versuchte sie sich zu bemühen, was leider nicht so richtig klappen wollte. Immerhin rief sie an, wenn es nicht klappte oder sie erklärte in einem späteren Telefongespräch, warum sie es vergessen hatte.

Wenn der Kontakt aber doch zustande kam, berichtete Jungfer überschwänglich von dem tollen Fernsehprogramm, dass man vor dem Fernseher essen darf, es gab Pommes und Cola, dass ihre Schwester in ihrem Zimmer ein eigenes Fach nur mit Süßigkeiten hat und dass sie wunderbar zusammen Barbie gespielt haben und nächsten Sonnabend holt sie die Mama wieder ab.

Ohnmacht 5.Teil

November 30, 2009

Unsere Termine bei der Psychologin nahmen wir natürlich auch noch wahr. Jungfer erzählte ihr vom Urlaub und vom Kindergarten, von den beiden anderen Jungfern und welche Probleme sie mit ihnen hat. Natürlich auf ihre eigene Art, aber die Psychologin verstand sie von Mal zu Mal besser. Der Vater nahm seine Besuchskontakte regelmäßig war, bis auf ein paar Nachfragen der Erzieherinnen  – wegen seinem alkoholischen Mundwasser –  gab es keine Auffälligkeiten, bis zu einem der schlimmsten Termine bei der Psychologin, den ich jemals erlebt habe.

 „Psychologische Begutachtung“ oder die „entsetzte Fassungslosigkeit“

 Es war wie jeden Donnerstag. Wir brauchten nicht warten, wurden freudig begrüßt und sie marschierte durch das Wartezimmer in den Therapieraum. Ich hatte mich mit meinem Buch in das Wartezimmer gesetzt, nicht ahnend, was dann auf mich zukam. Zwanzig Seiten später flog die Therapietür auf und eine völlig aufgelöste Therapeutin ließ sich erst einmal sprachlos auf das Sofa fallen. Neugierig schaute ich sie an und wartete geduldig auf eine Erklärung. Als sie sich wieder gesammelt hatte, erzählte sie mir stockend und ihre Wut zurückhaltend, was gerade im Therapieraum geschah; Sie haben mit einem therapeutischen Puppenhaus gespielt (das ist kein normales Puppenhaus, wo man von vorn agiert, es ist eine Draufsicht auf eine fiktive Wohnung ohne Dach, mit detailgetreuen Inventar und Figuren). Unsere Jungfer von Dingsbums hat sich die Toilette vorgenommen und sie geschrubbt und geschrubbt. Auf Nachfrage, warum sie das Toilettenbecken so sehr putzte, antwortete Jungfer „es ist so schmutzig, darum geht Papa nicht darauf.“ Natürlich wurde nachgehackt und da erzählte sie ihr, dass sie am Tag vorher bei ihrem Papa zu Besuch gewesen sei. Der Papa lag auf dem Sofa und hat Fernsehen geguckt und sie habe gespielt. Da hat der Papa von seiner schwarzen Hose den Reißverschluss aufgemacht und seinen Pullermann rausgeholt. Als sie ihn dann angeschaut habe, hat er sie gefragt, ob sie ihn mal anfassen möchte, aber das wollte sie nicht. Und dann hat der Papa an seinem Pullermann rumgespielt. Da der Vater bei seiner Mutter wohnte, wurde nachgefragt, wo da denn die Oma gewesen sei? Sie war nicht da, auch nicht die ältere siebenjährige Schwester. Im Gegenteil, der Vater drohte ihr noch, der Oma nichts zu sagen, sonst bekommt er großen Ärger mit der Oma. Sie musste es ihm versprechen.

Erst hatte ich gar nicht registriert, was die Therapeutin erzählte, es klang so unwirklich. Da kam Jungfer aus dem Therapieraum spaziert und erklärte fröhlich, sie ist fertig mit aufräumen. Dafür wurde sie ordentlich gelobt. Die Psychologin erklärte mir, dass Jungfer das Ganze noch mal erzählen muss, in meinem Beisein, denn wenn sie es meldet, braucht sie einen Zeugen. Also hat sie sie gebeten, mir nochmals zu erzählen, was sich am Abend vorher zugetragen hat. Voller Stolz und ganz ernsthaft, stand sie vor uns und erzählte den Vorfall mit dem genau gleichen Wortlaut, wie im Therapieraum und schloss mit den Worten, „das macht man doch nicht, stimmt´s?

 Fassungslosigkeit machte sich in uns breit. Natürlich musste der Vorfall gemeldet werden. Die Psychologin musste sowieso noch das Verbleibensgutachten schreiben. Der Verbleib war ja nun eindeutig, aber was wird mit den Besuchskontakten. Unter den Umständen dürften sie eigentlich nicht mehr stattfinden.

Plötzlich hatte ich tausend Fragen. Der Vater hatte erweiterten Umgang beantragt, ein Wochenende im Monat mit Übernachtung. Das galt es zu vermeiden. Was wird mit dem Besuchskontakt in der nächsten Woche? Wer konfrontiert den Vater mit dem Vorfall? Was ist mit der größeren Schwester, die bei ihm wohnte? Völlig bedröppelt und voller ungeklärter Probleme verließen wir die Psychologin. Sie versprach sich um alles zu kümmern, ich solle mich voll auf die kleine Jungfer konzentrieren, es könne jetzt zu Vorfällen kommen, die in engem Zusammenhang stehen.

Im Kindergarten sagte ich Bescheid, dass wir eine sehr schwere Sitzung hatten und Jungfer Probleme machen könnte. Dann fuhr ich nach Hause. Ich war allein, niemand da zum Zuhören. Ich war wütend und deprimiert zugleich. Mir ist völlig unverständlich, was in mancher Menschen Köpfe vorgeht? Wie kann man einem kleinen gerade mal vier Jahre alten Kind sowas zumuten? Wo ist bei denen die Schamgrenze? Haben sie überhaupt eine? Unfähig irgendwas zu tun, ließ ich meinen Tränen freien Lauf. Was muss sie denn noch durchmachen, hatte sie nicht schon genug Elend mit ihren Eltern erlebt? Wie soll sie mit dem Bild des masturbierenden Papas leben, wie mit der Drohung umgehen, nichts der Oma zu sagen.

Ich habe keine Ahnung mehr, was ich getan habe, bis ich sie wieder vom Kindergarten abholen konnte und da wartete schon die Kindergärtnerin auf mich. Sie nahm mich gleich zur Seite und erzählte mir, was während des Frühstücks passierte;

Wir kamen nach der Therapiestunde im Kindergarten an. Schnell zog sie sich um, drückte mich noch kurz, es gab einen Schmatz auf die Wange und schon war sie im Gruppenraum verschwunden. Kein Wunder, hatte sie doch gesehen, dass die Anderen beim zweiten Frühstück saßen. Die Erzieherin holte ihr eine Tasse und einen Teller, schenkte ihr Kakao ein. Jungfer holte ihre Schnitte und das Obst aus der Brotbüchse und genoss gemächlich ihr Frühstück. In der einen Hand das Schnittchen, in der anderen Hand die Brotbüchse, wollte sie die entspannte Atmosphäre etwas aufpeppen und fing leise an, mit der Brotbüchse auf den Tisch zu klopfen. Die Erzieherin bat sie, das zu unterlassen, aber das entsprach nicht den Vorstellungen von Jungfer. Nach der dritten Ermahnung steigerte sie den Geräuschpegel, was natürlich zur Folge hatte, dass die Erzieherin die Brotbüchse kurzerhand einkassierte. Wutentbrannt sprang Jungfer auf. Ihr Stuhl flog nach hinten weg, sie stampfte mit dem Fuß auf, schniefte und schnaubte und mit einem Blick der Verachtung rotzte sie einen dicken Schleimbatzen auf die Erzieherin, die selbst verdutzt über diesen jähen Ausbruch auch noch die Boxhiebe einsteckten mußte, die Jungfer anschließend austeilte und immer wieder auf sie einschrie „du böser, böser Mann.“

Ich erinnerte mich, was die Psychologin sagte, es hat wirklich nicht lange auf sich warten lassen. Da ich den Kindergarten vorgewarnt hatte, hatte dieser Ausbruch für Jungfer nicht die Konsequenzen, die er ohne Vorwarnung sicher nach sich gezogen hätte.

Auch zu Hause setzte sich das Drama fort. Sie spielte noch friedlich mit ihrem kleinen Freund auf dem Hof, als ich zum Abendessen rief. Nach dem Essen ging sie immer sofort ins Bad, so auch diesmal. Plötzlich drang ein gellender Schrei aus dem Bad, begleitet von einem Schwall unanständiger Wörter, wobei der tierische Begriff einer viel geliebten und verspeisten Gattung noch der Harmloseste war. Die Badezimmertür flog auf und wutentbrannt, voller Entrüstung streckte mir Jungfer von JanzWeitWech und Jungfer von Uns ein Badetuch unter die Nase. Ein ekliger brauner Streifen zog sich quer über das Tuch. „Sie hat sich damit den Hintern abgewischt,“ schrien sie mir voller Ekel entgegen, gefolgt von aus dem Tierreich entliehene Namen. Ich hieß ihnen draußen zu warten und ging ins Bad, um mich des armen Würstchens anzunehmen. Sie stand mit hängenden Schultern und traurigem Blick vor der Wanne und erwartete ihr Urteil. Zur Jungfer gewandt sagte ich ihr, „das nächste Mal nimmst du wieder Klopapier, okay?“ und nickte ihr zustimmend zu. Sie nickte und lächelte leicht, „und nun ab in die Wanne.“ Wie froh war ich, dass Bettzeit war, dadurch war ich nicht in die Situation gekommen ein der Tat angemessenes Strafmaß zu finden, welches die Beiden vor der Tür lauernd, erwarteten. Mit dem Zubettgehen konnten sie sich nicht anfreunden, gemessen an der Schwere der Schuld. Wie könnte ich ihnen erklären, warum Jungfer so reagiert hat?

An diesem Tag machte ich drei Kreuze, als alle im Bett waren. Es war Donnerstag und heute Nacht wollte der Burgherr nach Hause kommen. Vor Erschöpfung bin ich schon am frühen Abend zusammengebrochen und schlief schon, als er kam. Da das öfters passierte, setzt er sich mit einem Bierchen vor den Fernseher und entspannte erst einmal nach der langen fünfstündigen Autofahrt, dann kam er ins Bett. Obwohl er versucht leise zu sein, wachte ich auf. Es ist ein gutes Gefühl endlich wieder in starken Armen zu liegen, und seinen Kopf auch einmal an eine Schulter lehnen zu können. Sich dem Gefühl hingeben zu können, aufgefangen zu werden und so lies ich mich fallen und genoss anfänglich seine zarten Berührungen. Ich wusste was passieren würde, aber ich konnte es nicht zulassen, nicht heute. Schon spürte ich, wie sich die Tränen sammelten, in mir spannte sich plötzlich jeder Muskel. Fragend sah mich der Burgherr an, und da das Wehr schon gezogen war, strömte alles raus. Tränen und Erklärungen lösten sich gegenseitig ab, endlich konnte ich mir Luft machen und reden. Reden über den heutigen Tag, schluchzend lag ich in seinem Arm und er starrte mit verbitterten Blicken in die Nacht.

 

 

Familienaufstellung 4.Teil

November 24, 2009

Es war Herbst, unser Großer Knappe von Uns war nun in der 12. Klasse. In diesem letzten Schuljahr ist es an der Schule üblich, eine Jahresarbeit zu schreiben. Lange sinnierte er über ein Thema, als ich ihm vorschlug, doch über Kinder in fremden Familien zu schreiben. Er selber hat ein Jahr in einer fremden Familie gewohnt, als er die Schule wechselte und unbedingt in der Nachbarschule seinen Abschluss machen wollte. Es war eine sehr aufschlussreiche Erfahrung, die er gemacht hatte, andere Familienstrukturen können auch sehr interessant sein, es ging nicht so gut, er vertrug sich nicht mit dem fast gleichaltrigen Sohn, der sich in Schule über ihn lustig gemacht hatte, um so Aufmerksamkeit zu erregen.

Und dann waren da ja noch unsere beiden Pflegetöchter, deren unterschiedliche Entwicklung er im letzten  Jahr miterlebt hatte. Ebenso die unterschiedlichen Herkunftsfamilien und der Umgang mit ihnen, den Ämtern und Gerichten. Er war sofort begeistert und seine Klassenbetreuerin stimmte diesem Thema zu.

Er machte Termine bei den Jugendämtern in seiner Wahlheimatstadt und in unserer Stadt. Erhielt einen Überblick über die Strukturen der Jugendämter und dessen Bedeutung. Und er besuchte mit mir die Pflegeelternstammtische. Zu diesen Stammtischen kommen gestandene Pflegeeltern, Paare die sich mit den Gedanken tragen ein Pflegekind aufzunehmen, Verwandte die Kinder aus ihren eigenen Familien pflegen. Es werden Probleme besprochen und auch gelöste Probleme vorgebracht. Schönes, Nachdenkliches, Trauriges werden begleitet von den anwesenden Pflegeeltern, Sozialarbeitern und Psychologen. Uns brannten wieder einmal die Sorgen unter den Nägeln und so erörterte ich die derzeitige Situation in unserer Familie. Es waren die leidigen Wochenenden, die uns immer wieder zu schaffen machen. Die regelmäßigen Austicker von Jungfer von DingsBums und wie sehr es unsere Familie beeinträchtigt. Wir wollten diese Austicker nicht zum regelmäßigen Wochenendritual werden lassen. An diesen Abend waren etliche neue Pflegeeltern da und um ihnen zu verdeutlichen, wovon wir eigentlich redeten, schlug uns die Psychologin vor, doch einmal eine Familienaufstellung zu machen, um einmal bildlich darzustellen, wo die kleine Jungfer in der derzeitigen Situation stand. Unser großer Knappe stellte sich als kleine Jungfer zur Verfügung, ich durfte als ihre Pflegemutter bleiben und stellte mich ganz dicht hinter ihm. Die anderen Anwesenden wurden Stellvertreter für alle Menschen, die mit unserer kleinen Jungfer zu tun hatten. Da war die Pflegefamilie mit acht Personen, ihre leibliche Familie mit fünf Personen, die Großmutter väterlicherseits und des Vaters vier Geschwister, die Kindergärtnerin die sie zu ihrer Bezugsperson auserkoren hat, die Förderlehrerin, ihr staatlicher Vormund, die Sozialarbeiterin vom Pflegekinderdienst, der Sozialarbeiter vom sozialen Dienst, ihr gerichtlich bestellter Verfahrenspfleger, die Psychologin vom Kinderschutzdienst, die Gutachterin des Gerichtes, die Richterin. Es war ein riesen Pulk an Menschen und mittendrin mein Sohn und ich. Im Außenring lüftete sich die Reihe, weil Verfahrenspfleger, Gutachterin und Richterin sah sie nur ein bis zweimal im Jahr.

Die Sozialarbeiterin des Pflegekinderwesens erhielt eine Vorstellung von dem Druck, der auf der kleinen Jungfer und auch auf unserer Familie lastete, eingeschlossen von der Herkunftsfamilie und den staatlichen Organen. Nachdem wir uns wieder aufgelöst hatten, sollten wir alle unsere Eindrücke schildern. Ich sah meinen Sohn an und merkte, er fühlte das Gleiche wie ich. Uns war einfach nur kalt. Eine Kälte, die von innen herauskam und eine schwere Leere und Dumpfheit. Der Ring, der sich um uns schloss, nahm uns die Luft zum Atmen. Wir konnten spüren wie beschränkt unsere Freiheit war. Ich spürte zum ersten Mal, wie sehr doch diese Last auch meine Persönlichkeit verändert hatte. Die Leichtigkeit, mit der ich sonst durchs Leben ging, ist mir verloren gegangen, das hatte ich schlagartig begriffen. Alle anderen Anwesende, die im engeren Kreis standen, erzählten ebenfalls von bedrückenden Gefühlen. Wir hatten Beide tagelang mit dieser Kälte, Leere und Schwere zu kämpfen. Ich hätte mir in dieser Situation gewünscht, die Psychologin hätte einmal nachgefragt, wie unser Seelenzustand nach dieser Aufstellung war. Ich habe aber auch nicht die Kraft gehabt, der Psychologin zu sagen, was ich im Nachgang für eine Wut auf sie hatte.

Die Mitarbeiter des Jugendamtes versicherten uns, dass sie demnächst mehr Abstand halten wollten, aber das war natürlich eine Wunschvorstellung. Solange die Herkunftsfamilie um die Kinder stritt, hatte niemand Einfluss auf die Begutachtungen und Hausbesuche.

 Die Jahresarbeit des großen Knappen von Uns wurde sehr gut, aber das Highlight war die öffentliche, mündliche Verteidigung derselben. In dem großen Auditorium stand er alleine auf der Bühne, der Zuschauerraum war gebrochen voll, es war kein Platz mehr frei. Und er, der nie ein Wort in der Öffentlichkeit herausbekommen hatte, hielt einen emotionsgeladenen, freigesprochenen Vortrag und musste anschließend die nicht enden wollenden Fragen der Zuhörer beantworten. Der Klassenlehrer musste nach einer halben Stunde abbrechen, weil sie sonst die Zeit gnadenlos überzogen hätten, mit vor Stolz geschwellter Brust fuhren wir Beide nach Hause, mein Sohn war an diesem Tag über sich hinausgewachsen.

Erstes Weihnachtsfest 3.Teil

November 20, 2009

Es war das erste Weihnachtsfest mit unseren Pflegetöchtern. Jungfer von JanzWeitWech verhielt sich völlig normal, leicht erregt zwar, aber nicht unüblich in solcher Zeit. Erschrockener waren wir da schon über Jungfer von Dingsbums. Es fing schon mit dem Kitawechsel an, so kurz vor Weihnachten. Was für sich schon mit viel Aufregung verbunden ist, aber zur Weihnachtszeit potenziert sich das noch mal. Insgesamt ist die Weihnachtszeit für Kinder wie Jungfer von Dingsbums eine zwar höchst erquickliche, aber für Erwachsene, die mit ihnen zusammen leben, sehr anstrengende Zeit. Da sie an diesen neuen Rhythmus noch nicht gewöhnt war, war sie äußerst unruhig. Sie konnte nicht still sitzen, sie konnte sich auf nichts konzentrieren, am liebsten war es ihr, wenn man sie wie ein kleines Kind den ganzen Tag auf dem Arm herumschleppte. Wobei sie dabei nicht den Eindruck machte, dass sie diese enge Nähe brauchte. Hatte sie es geschafft, endlich auf den Arm zu kommen, warf sie den anderen Kindern triumphierende Blicke zu. Sie wusste schon, was sie wollte und sie wollte immer mehr. Dieser Monat Dezember war zum bersten gefüllt mit Highlights. Den Anfang machte der Nikolaus und zwar morgen früh bei uns zu Hause, im Kindergarten, zu Besuch bei ihrem leiblichen Vater, zu Besuch bei ihrer leiblichen Mutter, von der Oma, der Mutter des Vaters und von den Großeltern der Mutter. Es folgte die Weihnachtsfeier im Kindergarten, der Besuch des Weihnachtsmarktes in der Stadt, das  Weihnachtssingen im Altenheim und jeden Tag noch das Adventstürchen öffnen im Kindergarten. Und dann die regelmäßigen Ansprachen der Erwachsenen, wenn du nicht artig bist, dann……

Wir hatten einen täglichen Kampf mit Jungfer, um einen halbwegs geordneten Alltag hinzubekommen. Am schlimmsten aber waren die Wochenenden. Warum kann ein Kindergarten nicht auch am Wochenende aufhaben? Da hat sie sich daran gewöhnt, dass sie 8.00 Uhr im Kindergarten ist und schon ist wieder Wochenende. Warum steht da niemand um 7.30 Uhr geschniegelt und gestriegelt an der Tür, „ich will in den Kindergarten!“. Jedes Wochenende die gleiche Zeremonie, diese zwei Tage, die wir brauchten, um Kraft zu tanken, waren für sie ein Buch mit sieben Siegeln, völlig unverständlich, warum sie diese Tage zu Hause bleiben sollte. Samstag- und Sonntagabend fragte sie immer, ob es morgen wieder in den Kindergarten geht.

Und dann kam er der große Tag, Heilig Abend.

„Weihnachten auf der Burg“

Es war schon hell, aber das Licht durchdrang nur indirekt das Rot unserer Weihnachtsgardinen. Es war der Morgen des Heiligen Abend. Die großen Jungfern schlürften müde und missmutig über den Flur, hatte die kleinen Jungfer ihnen doch den morgendlichen Schlaf geraubt und nervte sie mit dem einzigsten Weihnachtslied was sie kannte. Hinten ihnen hüpfte hin und her wie ein kleiner Floh Jungfer von Dingsbums, bis an die Stelle, wo der Weihnachtsbaum stand. Wie angewurzelt blieb sie plötzlich stehen, riss den Mund ganz weit auf, der letzte Ton ihres Liedchens erstarb auf den Lippen. Wir ließen sie erst einmal richtig Staunen, war es wahrscheinlich ihr erster, richtig herausgeputzter Weihnachtsbaum, den sie bisher wahrgenommen hat.

Einmal im Jahr räumen wir die Ecke in unserem Wohnzimmer, wo sonst die Kinder ihre Kuschel- und Spielecke haben, vollkommen leer, zugunsten dieses besonderen Baumes. Auf ungefähr fünf Quadratmeter hat er dann Platz, für sich und natürlich die Geschenke.

Diesem Baum gegenüber wurde die große Spielzeugkiste platziert. Auf eben dieser Kiste setzte sie sich, der Mund stand immer noch offen und starrte ununterbrochen den Baum an. Dieser dankte ihr diese Aufmerksamkeit mit besonders schönem Leuchten.

Während dessen hatten sich die Jungfern angezogen und den Frühstückstisch gedeckt, alles unter der Ermahnung von Jungfer von Dingsbums, ins Bad zu gehen, sich fertigzumachen und den Tisch mit zu decken, aber diese stand unter dem Weihnachtsbann. Sie war zu nichts anderen mehr zu bewegen. Da wir auch alle, irgendwie unter diesem „Bann“ standen und ein schönes Weihnachtsfrühstück genießen wollten, ließen wir sie am Baum und genossen die Ruhe.

Sie hatte es tatsächlich geschafft, geschlagene zwei Stunden sich nur auf den Baum zu konzentrieren. Sie ließ sie auch nicht vom Tischgeklapper stören, auch nicht, dass wir den Tisch wieder abräumten, es war faszinierend zuzusehen, wie tief ergriffen dieses kleine dreijährige Mädchen war. Gegen Mittag allerdings war mein Verständnis dafür zu Ende. Nachdem sie auf keine Ansprache reagierte, hob ich sie kurzerhand hoch und brachte sie ins Bad. Unter viel Geschrei und Zappelei brachten wir es doch fertig ein sauberes, angezogenes Kind noch leicht zu verköstigen, bevor wir aufbrachen, um die restlichen Wege zu erledigen, damit wir uns dann ganz entspannt zurücklehnen können, um hoffentlich ein friedliches Weihnachtsfest zu genießen.

Das Jahr ist vorbei, Weihnachten und Silvester sind vorüber. Die erste Hilfeplanung im Amt stand an, um über den Verbleib, die Förderung und die Besuchsregelung zu reden. Wir saßen alle am Tisch, leibliche Eltern, Sozialarbeiter, Pflegekinderdienst und ich. Der Bericht des Kindergartens und meiner lagen vor. Mit Erschrecken wurden die Defizite von Jungfer erörtert. Die Eltern versuchten die doch sehr starke Entwicklungsverzögerung ihrer Tochter zu rechtfertigen und schoben sich gegenseitig die Verantwortung dafür zu. Der Vater hatte sich vorher schon ordentlich Mut angetrunken und die Mutter musste die Runde vorzeitig verlassen, weil sie einen Arzttermin hatte.

Ihre Besuchskontakte hatte sie nicht wahrgenommen, sie sollte ihre Tochter erst im Mai wiedersehen.

Der Vater konnte immer noch nicht recht einsehen, dass seine Tochter bei uns besser aufgehoben sei als bei ihm und beantragte ein Gutachten, das den Verbleib von Jungfer feststellen sollte. Vom Amt bekam ich die Telefonnummern von mehreren Psychologen, um einen Termin zu vereinbaren. Anschießend schilderte ich, was an Förderung schon alles in die Wege geleitet wurde und wo wir noch Unterstützung brauchten, wie sie sich in den neuen Kindergarten eingelebt hatte und wie durch geknallt sie zu Weihnachten und Silvester war. Dass ich ihr den Fasching im Kindergarten erspare und dafür lieber ihren baldigen Geburtstag gebührend feiern werde. Die Besuchskontakte wurden ausgehandelt, das erfolgte noch vor dem Verschwinden der Mutter. Diese sollte ihre Tochter einmal im Monat an einem Samstag sehen und der Vater bekam das Recht eingeräumt seine Tochter einmal in der Woche und zwar Mittwochs vom Kindergarten abzuholen. Da ihre ältere Schwester noch bei ihm wohnte, holte er Jungfer nachmittags ab, ging zur Schule, wo die Schwester gerade eingeschult wurde und dann gingen sie nach Hause. Nach dem Abendbrot holte ich sie von dort wieder ab oder er brachte sie mir nach Hause, wir wechselten uns da vierzehntägig ab und das klappte auch ganz gut. Bis zu diesem ereignisschweren Tag.

Zu ihrem Geburtstag war sie bei ihrem Vater. Sie feierte ihren Nachmittag bei Kaffee und Kuchen, mit ihrer Schwester, Oma, Tanten und Onkels. Wir feierten ihren Geburtstag am Sonntag nicht mit großen Bimbamborium, sondern in einem kleinen Kreis, mit den Kindern die in unserer Burg wohnten. Es gab Torte mit Kerzen und ihre Lieblingsspeise Pommes mit viel Ketchup. Die Kinder tobten ausgelassen durch die Burg, verkleidet als Ritter und Prinzessinnen. Glücklich und zufrieden viel sie abends todmüde in ihr Bettchen, ohne großen Tumult und ohne Geschrei, sie war ja nun Vier und schon „Groß“, es ging also auch anders.

Ich hatte nun auch schon einen Termin bei einer Psychologin bekommen. Die erste Telefonnummer war besetzt und sie stand als Nummer zwei auf meiner Liste. Wäre es vielleicht anders gekommen, wenn die erste Nummer frei gewesen wäre? Wider erwarten bekam ich schneller als gedacht einen Termin. Eine Woche später und Jungfer und ich stellten uns bei ihr vor. Ich schilderte ihren Werdegang und unser Anliegen. Jungfer wich mir nicht von der Seite, die ersten Male begleitete ich sie durch die Begutachtungsstunden und als sie nach und nach Vertrauen gefasst hatte, lies ich sie mit der Therapeutin alleine. Es lief so richtig gut. Das Problematische war mehr ihre Artikulation. An ihr Kauderwelsch hatte ich mich gewöhnt und verstand sie, die Therapeutin noch nicht. Immer noch summselte sie vor sich hin, wenn sie unsicher war, außerdem konnte sie ihre Gefühle nicht richtig benennen, es fehlten ihr ja noch so viel Wörter, auch die Beziehung und Anschauung zu diesen. Wir hatten zwar schon etliches erreicht, aber nach einem dreiviertel Jahr, kann man solch einen großen Entwicklungsrückstand nicht aufgeholt haben. Wir gingen also einmal wöchentlich zum „Spielen“.

Zwischenzeitlich war Ostern, einen Tag davon verbrachte sie bei ihrem Vater mit Schwester und Oma. Jungfer war aufgeregt wie immer, sie konnte sich unter Ostern natürlich überhaupt nichts vorstellen, unter Eier suchen schon mehr. Die Osterferien verbrachten wir in Bayern bei meiner Schwester. Da war nicht nur Jungfer von Dingsbums aufgeregt, nein alle Jungfern zusammen waren hippelig. Die Familie meiner Schwester nahm die beiden „neuen“ Familienmitglieder sehr gut auf. Gerade Jungfer von Dingsbums, sie ist ja so süß, blonde Löckchen, riesengroße blaue Augen, ein Lächeln zum Wegschmelzen, hat das Herzen meines großen Neffen im Sturm erobert. Sie hat ihn für sich erkoren, er war ihr Prinz und dieser Prinz konnte überhaupt nicht verstehen, warum ich mit ihr immer so konsequent umging. Unser Ton glich eher der einer Armee, ich konnte mit ihr nicht in einem lieben, schmeichelnden Ton reden, da reagierte sie überhaupt nur lächelnd. Sie strahlte mich dann an und blieb fasziniert stehen, aber es passiert nichts. Gab ich ihr eine klare Ansage, kurze prägnante Sätze, mit einer festen Stimme, da klappte das, da rannte sie los und machte ihre Sachen, die ich ihr aufgetragen hatte. Sie verlangte förmlich nach diesen klaren Ansagen, da wusste sie genau was sie machen musste, war ihr was unklar fragte sie nach. Nachdem ich das begriffen hatte, war unser Umgang miteinander verträglicher, es machte vieles einfacher. Problematischer ist da das Umfeld, die haben nie verstanden, warum das Kind freudig erregte losrannte, wenn ich ihr in einem so straffen Ton redete.

Da im Urlaub Dauerbespaßen angesagt war, hatten wir mit ihr keine Probleme. Es gab viel zu sehen und noch mehr zu erleben. Solange wie sie beschäftigt war, dachte sie nicht über ihre Lebenssituation nach, sie viel abends total erschöpft ins Bett, wir allerdings auch. Aber jeder Urlaub geht einmal zu Ende und so hatte uns dann bald der Alltag wieder.

Dieser gestaltete sich nach dem Urlaub mit ihr sehr schwierig. Die alten Strukturen, die sie schon mal kannte, waren vergessen und mußten neu angelegt werden, aufstehen, in das Bad gehen, die Toilette aufsuchen, Zähne putzen, waschen, cremen, kämmen, alles mußte neu gelernt werden. Um sich anzuziehen, mußte sie wieder ihren genauen Ablauf lernen, welches Kleidungsstück zuerst kommt. Wir brauchten ein paar Wochen ehe sie ihren Ablaufplan wieder verinnerlicht hatte.

Jungfer freute sich auf ihren Kindergarten, sie hatte auch ihren ersten Termin mit der Therapeutin der Frühförderstelle im Kindergarten, die mit ihr an ihrer Grobmotorik übte. Es ist wunderbar zu sehen, wie spielerisch mit den Kindern diese wichtigen Übungen gemacht werden und  wie einfach die Mittel dazu sind. Es reicht eine kleine Wanne mit Bohnen, Linsen und Erbsen und die Kinder greifen mit viel Freude immer wieder in diese Samen und lassen sie langsam durch die Finger rieseln oder sie stehen mit nackten Füßen darin und versuchen die Samen mit den Zehen zu greifen. Sie holte in ihrer Entwicklung schneller auf, als wir dachten. Ihr Gehirn war wie ein trockener Schwamm, der nur darauf wartete gefüllt zu werden und zum füllen gab es sehr, sehr viel.

 

Wechsel 2.Teil

November 16, 2009

Mein erster Weg führte mich zur Kindertagesstätte. Wir lebten damals noch in dem irrigen Gedanken, dem Kind wenigstens tagsüber das Gefühl zu geben in der gewohnten Umgebung zu bleiben. Wir wohnten von der Kita ziemlich weit entfernt und so übernahm der Fahrdienst der Kita die Hin- und Herkutscherei. Sie wurde früh 6.30 Uhr abgeholt und nachmittags gegen 16.30 Uhr wieder gebracht, es war für sie ein knallharter Arbeitstag. Ich machte also einen Termin mit der Leiterin, erst einmal um mich vorzustellen und um dann über ihre weitere Entwicklung zu sprechen. Schließlich ist es auch eine integrative Einrichtung. Schon die Lage der Kita sprach Bände. Sie lag mitten im sozialen Problemfeld der Stadt, alles, was nicht auf die Beine kam, wohnte dort. Dementsprechend war auch die Zusammensetzung der Kinder. Von der Leiterin erfuhr ich auch ein bisschen über die Familie. Die Mutter ward dort kaum gesehen, die drei Jahre ältere Schwester war auch in der Kita und nahm die Jungfer jeden Morgen mit. Sie brauchten nur über die Straße und schon waren sie dort.

Der Entwicklungsstand von Jungfer von DingsBums war dort sehr wohl bekannt, oder auch nicht?

Jedenfalls konnten sie sich mit ihr nicht verständigen. Wenn jemand etwas von ihr wollte, was ihr nicht passte, schrie sie einfach ihren durch Mark und Bein erschütternden Schrei und schon rannten die Erzieher los und holten die Schwester zum Übersetzen. Eine Beziehung zur Erzieherin war nicht zu erkennen. Sie hatte nicht nur logopädische, sondern auch motorische und feinmotorische Probleme. So richtig kam ich da nicht mit, diese integrative Einrichtung warb damit, dass sie eine Logopädin im Haus haben. Ein späteres Gespräch mit ihr verlief so; „Ich hätte da mal eine Frage?“, „Ja bitte“, „die ältesten Kinder sind jetzt in die Schule gekommen, da müssten doch Kapazitäten frei sein, um für Jungfer Sprachtherapie zu machen?“ „Wie, die kann sprechen?“ Dies ist kein Witz, sie hat auch keinen Platz bekommen, obwohl es mehr als bitternötig war. Ich beschloss den Kindergarten zu wechseln, das war nicht der Kindergarten, den ich mir für ein Kind vorstellte. Abgesehen von der langen Fahrzeit, welches ich eigentlich nur am Rande mitbekam. Sie war die fünfzehn Kilometer zwei Stunden lang unterwegs und das zweimal am Tag. Wenn ihr im Kleinbus was nicht gepasst hat, hat sie auch schon mal zwei Stunden lang geschrien. Der arme Zivi, seine Nerven lagen blank und ich glaube er war der Letzte, der den Wechsel nicht befürwortet hatte.

Also habe ich das Amt informiert, dass sie dringend einen integrativen Platz braucht. Siehe da, innerhalb von vier Wochen konnte sie wechseln in einen Neubau. Er war vom Konzept her zwar nicht so, wie ich mir einen integrativen Kindergarten vorstelle, aber dafür war die Gruppe kleiner, das soziale Umfeld eindeutig besser und die Erzieherinnen wahnsinnig engagiert. Ich beantragte eine Frühförderung die in der Kita stattfand, ich fuhr sie zum Frühstück hin und holte sie nach dem Vesper wieder ab. Eigentlich war alles perfekt. Wenn diese Erwachsenen nicht wären. Jungfer stand auf dem Standpunkt; Kita ist schön, da kann man spielen, toben und die Erwachsenen passen auf das einem dort nichts passiert, dass man was zu essen kriegt und man bespielt wird, wenn einem langweilig ist. Sie halten einem die anderen Kinder vom Hals, wenn es Probleme gibt. Aber wenn ein Erwachsener etwas wollte, konnte sie das geschickt ignorieren. Sie reagierte überhaupt nicht und machte ihr Ding für sich weiter. Es sei denn, es ging um Essen! Da musste man darauf hören, denn essen ist wichtig, aber nach dem Essen muss auch wieder Schluss sein mit dem herum kommandieren. Wo kommen wir denn da hin? Mittagsschlaf, auch so eine Erfindung der Erwachsenen.

Mittagsruhe im Kindergarten

Ein Gewusel zwischen den Tischen und Stühlen. Die Stuhlbeine scharrten, das Geschirr klapperte und Kindergeschnattere erfüllte den Raum. Die lauten Rufe der Erzieherinnen schickten die Kinder in alle Ecken der Räumlichkeiten. „Theresa, räum dein Teller ab“, „Julius, zieh dich jetzt aus, geh noch mal auf die Toilette“, „Paula, hol deine Matte aus dem Regal und zieh deinen Schlafanzug an, wo ist denn dein Kuschelhase?“ Mitten in diesem Gewusel saß Jungfer von DingsBums, den Kopf in die Hand gelegt, den Ellenbogen auf den Tisch, führt sie ganz genüsslich, den Löffel zum Mund. Beeindruckt weder vom Krach noch von den emsigen Bewegungen rings um sie her. Als ziemlich alle Kinder aufgeteilt waren zwischen Bad und Matten, wandte sich die Erzieherin der Jungfer zu. Der Blick war schon mehr als ärgerlich, trieb sie dieses Spielchen doch schon seit Wochen mit ihr. Kleine Machtkämpfe, die täglich zu wachsen schienen. Jungfer wurde immer langsamer in ihren Bewegungen und die Erzieherin immer lauter in ihren Äußerungen. Tja, sie hatte es wieder geschafft, alle Blicke ruhten auf ihr. Noch immer war ihr Teller nicht leer, wieso auch, sie hatte ja schließlich den dritten Nachschlag und eigentlich war sie satt, aber wer weiß, wann es wieder etwas zu essen gibt und wegschmeißen, ne das geht gar nicht.

So saß sie, mühsam kauend, entrückt der realen Welt, die Erzieherin müde von unten nach oben anguckend. Mit einem Blick, den man unterschiedlich deuten konnte; wie – siehst du nicht, dass du nervst? Was willst du eigentlich von mir? Das ist mein Essen, untersteh dich und räum es weg….., genau das war der Punkt.

Es dauerte gar nicht lange, da stand die Erzieherin mit den Händen in der Hüfte vor ihr, „entweder du isst jetzt schnell auf, oder du räumst den Teller weg“, das war der Satz, mit dem das Mittagsritual anfing. Die kleinen dünnen Beinchen unter dem Tisch fingen an hin und her zu schlenkern. Die Füße scharrten auf dem Linoleum. Eine weitere Ansprache der Erzieherin und Jungfer fing an leise hohe Töne von sich zu geben. Das Ritual war nun nicht mehr aufzuhalten. Unfähig auch nur einen Happs zu machen, saß sie versteinert vor ihrem Teller. Unruhig kullerten die anderen Kinder auf ihren Matten herum. Die Ersten fingen an schon wieder aufzustehen. Der Unmut der Erzieherin wuchs, „iss jetzt, sonst nehm ich dir den Teller weg“. Die abartigen Töne wurden höher und lauter, das Scharren der Füße steigerte sich zu einem trampeln, dann die nächste Steigerungsstufe. Der Teller wurde in die Hand genommen und als trommelartiges Instrument zum Tisch beklopfen genutzt. Bei der Erzieherin war nun der Höhepunkt erreicht. Sie kannte diese Rituale von den Tagen, Wochen, Monaten zuvor und ihr war natürlich anzusehen, dass sie auf diese Spielchen überhaupt keine Lust hatte. Also passierte das, was immer passierte. Sie nahm natürlich den Teller weg und, alle Kinder hielten sich schlagartig die Ohren zu, wohl wissend, was nun geschah. Richtig, der durch und durch gellende Schrei erfüllte die kindlichen Räume.

Eine völlig entnervte Erzieherin versuchte durch lauteres Schreien zu ihr durchzudringen. Eigentlich wissend, dass es keinen Zweck hatte. Eine andere Erzieherin kam hinzu, Jungfers Schrei war wie ein Klingelton, wie jeden Tag versuchte sie die anderen Kinder wieder zur Ruhe zu bringen. Einige schliefen auch sofort erschöpft ein, für die anderen war es wie ein Aufputschmittel.

Es kam, was kommen musste. Jungfer wurde unter den Arm geklemmt, sich heftig mit Händen und Füßen wehrend, in den Snuselraum zum Abreagieren gebracht.

Der Snuselraum war eine größere Kammer mit Fenster zum lichtdurchfluteten Flur. Gemütlich eingerichtet, vollständig mit Matratzen ausgelegt, mit einigen Kuscheltieren, die als Wurfgeschosse dienen können. Das war der von ihr meist besuchtest Ort zur Mittagszeit. Sicher kannte sie dort jeden Quadratzentimeter auswendig. Ab und an kam eine Erzieherin vorbei und schaute nach ihr. Hatte sie sich wieder beruhigt, durfte sie in ihren Gruppenraum zurück, mit dem Versprechen, sich schnell umzuziehen, Zähne zu putzen und zu schlafen. Das mit dem schnell ist ja sooo relativ. Was ist schnell, für die Erzieherin ist es etwas anderes wie für Jungfer. Mit kleinen Schrittchen, Füßchen vor Füßchen, bewegte sie sich Richtung Bad. Ganz langsam, wie unter Hypnose zog sie ihre Sachen aus. Wenn die Erzieherin dann noch nicht reagierte, blieb sie erst mal sitzen und meditierte darüber, ob sie erst auf die Toilette gehen sollte, oder erst Zähne putzen und waschen? Mit dem Blick zur Erzieherin ging sie erst Zähne putzen und waschen, dann ging es wieder im Füßchen schritt zu ihrer Matte, die seit ihrem ersten Tag immer an der gleichen Stelle liegen musste. „Warst du auf Toilette?“, „muss nicht“. Sie ließ sich ganz, ganz langsam nieder, legte sich auf die Matte, den Rücken fest auf den Boden gepresst und blaffte die Erzieherin an, „zudecken“. „Wie heißt das“, wieder ein Blaff „bitte“. Die Erzieherin ließ sich zu ihr nieder, deckte sie zu und versuchte ein freundliches Gesicht zu machen, ein nächster Blaffer „strescheln“, unruhiges Füße strampeln. „Wenn du gestreichelt werden möchtest, dann sag das bitte in einen anderen Ton“, „strescheln“, die Tonlage wurde höher und quietschiger, „Nein, so nicht und gib Ruhe, die anderen Kinder möchten schlafen“, gellender Schrei, alle Kinder wach, Jungfer in den Snuselraum, dort nachher völlig übermüdet eingeschlafen. Die Erzieherin völlig entnervt auf ihrem kleinen Kinderstühlchen sitzend, versucht mühsam die Augen aufzuhalten.

 

Diese Kindergärtnerin gewann nach einem anstrengenden Vierteljahr den Machtkampf. Sie sagte noch, bevor sie für längere Zeit erkrankte, sie weiß nicht, wie lange sie es mit ihr durchhalten wird. Jungfer von DingsBums wäre ein Kündigungsgrund. Sie war eine sehr gute Erzieherin. Jungfer hat sehr viel bei ihr gelernt. Die nächste Erzieherin hatte da leider nicht soviel Geduld.

Durch die familiären Probleme von Jungfer von JanzWeitWech hatte ich öfter im Amt zu tun und so kam auch jedes Mal die Sprache auf Jungfer von DingsBums, wussten sie doch eigentlich um unsere Probleme. Ich schilderte unserer Sachbearbeiterin die Situation und zum Verdeutlichen noch ein paar Beispiele dazu. Sie hörte sich das auch immer ganz geduldig an, um dann diese leidige Anmerkung zu machen „wenn sie sich dem nicht gewachsen fühlen, müssen wir sie in eine andere Familie umsetzen!“ Als ich, dass das erste Mal gehörte habe, war ich schon geschockt. Als sie diese Anmerkung immer öfter machte, wurde ich unruhig und lies einmal durchblicken, ob nicht eventuell nicht nur Jungfer von DingsBums, sondern auch wir unbedingt Hilfe brauchten? Es kann doch nicht sein, dass so ein Seelchen immer, wenn etwas nicht perfekt funktioniert, aus den Familien rausgenommen und wieder umgesetzt wird. Kommt denn keiner auf die Idee, die Familie zu unterstützen und zu stärken? Erst ein unverständlicher Blick durch meinen doch etwas ärgerlichen Ausbruch und dann die erhellende Idee, SUPERVISION war dann das Zauberwort. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich einmal etwas davon gehört, aber keinen blassen Schimmer, was das bedeutet. Also erklärte man es mir geduldig und ich stimmte zu, es zu testen. Bewaffnet mit ein paar Telefonnummern und begann ich mit dem telefonieren. Wider Erwarten bekam ich recht schnell einen Termin bei einer Psychologin, die mit einem Wohltätigkeitsverein in Zusammenarbeit mit dem Amt Supervision für gestresste Pflegeeltern anbot. Ich erklärte ihr die Situation und sie gab mir ein paar wertvolle Tipps, aber das Wichtigste, was ich mitnahm, war das Wissen über die Zusammenhänge, warum Jungfer von DingsBums manchmal regelrecht einfriert oder dann wieder ausrastet. Es kam für mich erstmalig ein Funken von Ahnung über die gestörte Funktion des kleinen Wesens. Es half mir einige Situationen von einem anderen Blickwinkel zu betrachten. So war ihr regelrechtes Einfrieren bei unerwarteter Ansprache – vor allem von hinten -, ein Trauma auslösender Trigger. Auslösende Trigger können Geruch, Stimme, Stimmlage, Gestik, Mimik eigentlich alles sein, was mit den schlimmsten, unangenehmsten Erfahrungen zu tun hat. Also von uns ganz selten beeinflussbar. Ich erfuhr, dass dieses Anstarren am Esstisch, tatsächlich der Suchtersatz für den Fernseher sein konnte, gekoppelt mit einem unstillbaren Sicherheitsbedürfnis. Das waren erst einmal die wichtigsten Probleme, die ich erklärt haben wollte.

Das Klären der Probleme war ein völlig anderes. Leider gibt es da kein Patentrezept. Man kann die Trigger kaum vermeiden. Zusammen mit meiner Familie versuchten wir das ansprechen ohne Blickkontakt zu vermeiden, aber im Alltag ist das ganz schwer zu erledigen. Mit der Zeit aber taute sie immer mehr und mehr auf, im wahrsten Sinne des Wortes. Das Einfrieren passierte nur noch in höchsten Stresssituationen, mit denen sie überhaupt nicht umgehen konnte.

Supervision beinhaltete auch noch Hausbesuche, wo Kinder und Eltern im gemeinsamen Umfeld wahrgenommen und aufgenommen werden sollten. Die Psychologin wurde empfangen wie Besuch, damit die Kinder nicht das Besondere der Situation mitbekamen. Wir spielten erst gemeinsam, dann spielte ich alleine mit der kleinen Jungfer. Das wurde dann richtig mit Kamera dokumentiert. Bei der Auswertung kam heraus, dass an unserem Zusammenleben nichts auszusetzen wäre. Jungfer wird gelobt, wenn sie etwas richtig gemacht hat und gefördert, wenn sie die Ideen verließen. Was ich aus der Vision mitgenommen habe; ich brauche mehr Wissen. Über die gesamte Bandbreite der Traumata. Diese armen Kinder haben Schlimmstes in ihren jüngsten Jahren erfahren, deswegen haben sie die Probleme und ich versuchte die Zusammenhänge zu verstehen. Es gibt sehr viel Fachliteratur und noch mehr Information im großen WWW. Ich lernte, warum sie ihre Ausfälle hat, ich entwickelte viel Verständnis für ihre Situation und versuchte auch meine Familie mit diesem Hintergrundwissen Jungfern-fit zu machen. Die Theorie ist das eine, die Praxis sieht anders aus. Es gibt zwar ein paar wenige wohlgemeinte Ratschläge, aber die kann man nicht eins zu eins umsetzen. Das war das eigentlich Schwierigste in der gesamten Pflegezeit. Wie mache ich gerade das Richtige, ohne ihr und uns zu schaden?

Prolog zur Odyssee einer verletzten Seele

November 7, 2009

Seele ist für uns etwas nicht Fassbares, etwas was man nicht sieht, was man nicht nachweisen kann und bis vor Kurzem in der modernen Gesellschaft für uns eigentlich auch nicht existierte. Schon bevor ich Pflegemutter wurde, beschäftigte ich mich mit dem Begriff „Seele“ und was es beinhalten soll. Eine befriedigende Erklärung konnte ich für mich nirgends finden.

Als wir unsere zweite Pflegetochter aufnahmen, musste ich mich intensiv diesem Thema stellen, um zu begreifen, zu erklären und zu handeln, warum sie gewisse Dinge macht oder auch nicht macht, warum sie so reagiert oder auch nicht reagiert, also warum sie in ihrem Alter so ganz anders ist, als andere Kinder. So nahm ich nach zwei Jahren intensiven Zusammenlebens mit ihr, an einer Weiterbildung teil, die Pflegeeltern zu sozialpädagogischen Pflegestellen ausbilden. Mein Abschlussthema war pubstrocken. Zum Oberbegriff: „Psychologische Besonderheiten“ war mein Unterthema: „Definitionen, Ursachen und Erscheinungsbilder von psychischen Störungen“. Wie will man über so etwas sprechen, oder sogar Störungen der Seele nachweisen.

Zu diesem Thema habe ich achtundzwanzig Seiten geschrieben. Es war mehr Fleißarbeit, als eine Möglichkeit, meinen Zuhörern zu erklären, was die Erscheinungsbilder von psychischen Störungen sind. Also hab ich sehr lange gesessen und gegrübelt. Da ich es auch noch mündlich vortragen musste, zerbrach ich mir den Kopf, wie ich die Zuhörer wachhalten konnte, da kam mir ein schönes Gleichnis zu Hilfe und als ich in den Herbstferien bei meinem ältesten Sohn den Auszug organisiert habe, fand ich gleich noch das Requisit dazu, eine schöne blank geputzte Spiegelkugel.

In einem „Buch der Seelen“, von Varda Hasselmann, beschreibt sie die Seele folgendermaßen:

Zitat:

„Psyche“ ist u. a. ein nicht-materielles Verdauungsorgan des Menschen, das Angst bewältigt und Realität spiegelt. Psyche kann unterschiedlich komplex sein und kann in dieser Hinsicht verglichen werden mit einer Spiegelkugel, die aus mehr oder weniger vielen Spiegelflächen besteht. Eine Kugel mit wenigen Spiegeln liefert ein sehr einfaches Bild der Realität, eine Kugel mit vielen Flächen, ein hochkomplexes Bild der Realität. Einsichtig ist, dass eine hochkomplexe Psyche Realität differenzierter darstellt, andererseits aber eher anfällig ist, verzerrte Abbilder von Realität zu bilden. Eine starke Verzerrung der Realität kann dazu führen, dass die Grundfunktion von Psyche zeitweise außer Kraft gesetzt wird, und Angst nicht mehr richtig verdaut wird.

Eine krankhaft arbeitende Psyche wird nicht nur Verzerrungen der Realität aufrechterhalten, sondern diese auch noch verstärken, so dass äußere Hilfe nötig wird, um Psyche zu ermöglichen, Angst wieder gesund verdauen zu können. Als Folge dieser Hilfe kann Verzerrung von Realität (die immer von Angst ausgelöst wird) dann auch wieder schrittweise abgebaut werden.“  Zitat Ende.

Die Spiegelkugel ist das optimale Sinnbild der Seele. Das war die zündende Idee für mich, ich holte die Spiegelkugel meiner Söhne aus der Versenkung und packte die Geschichte von den fiktiven Kindern Max und Maxi drum herum. Bewaffnet mit Klebeband, Spiegelkugel, Skript und mehr als einhundert Prozent Adrenalin, ging ich in das Kolloquium und begann meinen Vortrag von Max und Maxi:

 In einer normalen, optimal funktionierenden Familie wird ein Kind geboren, ich nenne es hier Max;

 Die „Seele“ von Max funkelt und strahlt wie diese Spiegelkugel. Hat er ein Bedürfnis, dann leuchtet ein bestimmter Bereich der Spiegelkugel von innen auf, da die Eltern dieses Bedürfnis nicht erkennen können, passiert Folgendes:

Max schreit – eine Facette blinkt auf -, Mama oder Papa kommen und trösten – Facette erlischt und strahlt wieder. So passiert es immer, wenn Max sich meldet und Bedürfnisse hat. Die Eltern spielen und sprechen mit Max – die Spiegelkugel strahlt, leuchtet und funkelt in seine Gesamtheit-, die Eltern ziehen sich in Reichweite zurück, – das Funkeln erlischt langsam -, Max spielt und brabbelt vor sich hin – einzelne Zonen der Kugel blitzen auf und erlöschen wieder -, Max übt das Gespielte und Gesprochen, durch das spielen der Eltern mit Max wurde der „Akku“ in der Kugel wieder aufgeladen und Max ist dadurch in der Lage, sich mit sich selber zu beschäftigen. 

Nun wird Max wird größer, trotzig behauptet er seine Stellung in der Familie. Er schreit sich nach Süßigkeiten die „Kugel“ aus dem Leib, – einzelne Facetten blinken, bis sie blind sind -, die Eltern bleiben ruhig und warten, bis sich Max beruhigt hat. Max ist wieder ansprechbar, – einzelne Facetten sind blind -, die Eltern sprechen kindgerecht mit Max und kuscheln mit ihm. Durch die ruhige Art und die liebevolle Hingabe zu Max, wird der Schatten auf der Kugel „weggerubbelt“ und die Kugel ist wieder klar und funkelt. Max hat gelernt, er bekommt nicht alles, aber seine Eltern lieben ihn trotzdem.

Mit solchen Eltern und Erfahrungen hat Max gute Chancen auf eine altersgerechte Entwicklung, er baut Bindungen auf und Sicherheiten, er hat gelernt, dass seine Bedürfnisse erfüllt werden und dass das Leben auch Grenzen setzt, er aber trotz aller Hindernisse von seiner Familie geliebt wird.

Das ist der Idealzustand, was aber passiert Max, wenn er andere, nicht so verständnisvolle Eltern hätte?

Wie z.B. Maxi, ungewollt, ein sogenannter „Unfall“, ihre Kugel kommt schon nicht so strahlend auf die Welt, der Alkohol und das Nikotin haben ihr schon den Glanz genommen. Sie wurde gezeugt nach einem Diskobesuch, der Vater ist nicht bekannt, ihre Familie wandte sich von ihr ab. Sie wurde geboren in eine ungewisse Zukunft. Wenn sie in ihrem Bettchen immer und immer wieder nach Hunger schrie – blinkte eine Facette auf -, niemand kommt zum Trösten, – Facetten bekommt erste Risse. (Hirnforscher haben festgestellt, dass fünf Minuten schreien, bei einem Kleinstkind ein Trauma auslöst).

Maxi hat Bedürfnisse, – eine Facette blinkt auf -, niemand kommt zum stillen der Bedürfnisse, – Facette erblindet, „innere Lampe“ brennt durch. Maxi schreit, ihre Windeln sind voll, sie hat Hunger und sie will Wärme, – eine Facette blinkt auf -, die junge Mutter kommt genervt und fragt sie, was sie hat. Maxi kann natürlich nicht sprechen, schreit weiter, die Mutter und ihr Freund sind entnervt und schütteln sie, Maxi schreit weiter, sie stecken sie wieder ins Bett und in ein Zimmer, weit weg, – Facetten erblinden, „innere Lampen“ brennen durch-, Maxi ist vor Erschöpfung eingeschlafen.

Maxi will spielen, – die Spiegelkugel blinkt auf-, keiner kommt zum Spielen, Maxi brabbelt vor sich hin, spielt mit den Fingerchen und den Füßchen, spielt mit sich selber, macht ein „Selbststudium“, – Spiegelkugel leuchtet und funkelt, bis auf die schon erblindeten Stellen -. Durch das eigene Spielen und Brabbeln von Maxi lädt sie ihren Akku in der Kugel selber wieder auf, allerdings leuchtet und strahlt sie nicht so sehr, wie beim Spielen mit den Eltern, denn Maxi hat noch nicht soviel Liebe für sich, wie sie braucht, um die Kugel zum funkeln zu bringen. Der eigene Akku reicht gerade zum Überleben. Das bisschen Zeit, was die junge Mutter für ihre Tochter aufbringt, reicht nicht, um die Facetten zum Funkeln zu bringen.

Während dessen Max, innerlich strahlend durch seine kleine „große“ Welt marschiert und mit all seinen Sinnen seine Umwelt erspürt, sitzt Maxi eingekotet in ihrem Bettchen und lauscht vergnügt den TeleTubbis.

Um sie herum liegt schmutzige Wäsche und wenn sie die Händchen zwischen die Gitterstäbe des Bettchens steckt, kommt sie auch an das Toastbrot heran, neben ihr liegt ihre Flasche mit süßem Getränk. Ist eine Sendung alle, schreit Maxi laut auf. Es öffnet sich die Tür, herein kommt ein nach Alkohol riechender Mann mit einer glühender Zigarette in der Hand, freundlich grinst er sie an und fragt sie was sie nun schon wieder hat? Maxi schreit auf, hat Angst, sie kennt den Mann nicht, der dreht sich um und schreit nach der Mutter des Kindes, sie solle kommen und sich kümmern, entnervt kommt die Mutter, blafft Maxi an, sie solle ruhig sein, wechselt das Fernsehprogramm und verlässt das Zimmer. Maxi wimmert noch kurz, greift zu ihrer Flasche mit dem süßen Getränk, nuckelt intensiv daran herum und lässt sich vom Fernsehprogramm in den Schlaf hinüber gleiten, das ist Maxis Welt.

Ihre Spiegelkugel ist noch nicht ganz erblindet, aber weit entfernt vom strahlenden Leuchten der Kugel von Max. Da Maxis erste drei Lebensjahre sich so fortsetzen, hat sie gelernt, das Leben ist eine unsichere Sache, ich kann mich auf niemanden verlassen, also binde ich mich an keinen, ich nehme was ich kriegen kann, wer weiß, wann ich das nächste Mal Gelegenheit habe und ich nehme, wen ich kriegen kann, wer weiß, wann das nächste Mal jemand kommt und mir Zuwendung und Aufmerksamkeit gibt. Ich kann machen was ich will, auf die Anderen kann ich mich sowieso nicht verlassen. Maxis Kugel ist blass, gerissen, in den Rissen hat sich Plaque angesammelt. Kein Funkeln und Strahlen dringt durch diese Stellen. Von der Umwelt wird sie kaum wahrgenommen, so macht sie sich bemerkbar durch unartikuliertes Schreien, durch Krawall, durch Zerstörung, durch Verletzungen anderer Kinder, durch verwahrlostes Aussehen, durch große, tiefe, traurige Augen.

Was das für Maxi im späteren Alter an psychischen Störungen auslöst, brachte ich im Kolloquium vor, hier lasse ich es beiseite, denn Maxi wurde im Alter von dreieinhalb Jahren aus ihrer völlig verwahrlosten Familie genommen und fand das erste Mal in ihrem Leben ein richtiges Zuhause. Ich holte sie ab vom Jugendamt, die „Maxi“ ist keine Fiktion, diese, hier geschilderte Maxi gibt es wirklich.

Ich holte sie ab, aus einem für uns unvorstellbaren Leben und brachte sie in eine für sie anmutende „Märchenwelt“. Aus diesem Grund schrieb ich hier zwei miteinander verwobene Geschichten, die eine ist das Drama, um diese kleine, geschundene Seele, die andere ist das Märchen, welches natürlich keines ist, aber reingesetzt wurde in eine märchengleiche Welt, um die Extreme widerzuspiegeln, zwischen der Normalität in unserer Familie, eine Normalität, wie sie sich tausendfach in anderen Familien abspielt und den Problemen die sich mit der Aufnahme von Pflegekinder ergeben können.

Diese Geschichte hat sich vor langer, langer Zeit in einem fernen Land zugetragen und die vornehmen Namen unserer Kinder sind ein Zeichen ihrer edlen Herkunft.

Und so begann sie……………

Die Odyssee einer verletzten Seele                                     1. Teil

Leises Kinderlachen drang hinunter zum Haus. Es war ein wunderschöner, sonniger Tag, kein Wölkchen stand am Himmel, die Bienen und Schmetterlinge wogen sich auf den Blüten der Gräser im lauen Lüftchen. Wieder höre ich es verhalten lachen und kichern. Als ich langsam dem Geräusch näher kam, bot sich mir ein Bild der Zufriedenheit. Ein kleines, bildhübsches Mädchen lag in der Hängematte, ein Fuß auf dem Rasen sorgte dafür, dass die Matte sich hin und her wiegte. In der Hand einen Grashalm, ließ sie unsere Katze Männchen machen. Immer und immer wieder sprang sie nach dem Grashalm und das fand sie einfach zum Kichern. Als sie mich sah, freute sie sich und erzählte mir, wie sie mit der Katze spielte und wie sie sich darüber freute. Ihre Stimme überschlug sich fast und das bilden der Sätze fiel ihr sichtlich schwer. Ich setzte mich zu ihr auf die Hängematte und nahm sie in den Arm. Das leichte Hin- und Herwiegen beruhigte sie und so fing sie noch mal mit erzählen an und ich musste einfach zurückdenken, an die Zeit vor fast genau fünf Jahren, als ich den Anruf vom Jugendamt bekam.

Wir hatten im Frühjahr vor fünf Jahren ein kleines, sechsjähriges, allerliebstes Mädchen zur Pflege aufgenommen. Ihre Mutter hatte Probleme mit sich und ihren fünf Kindern und so wurden sie aufgeteilt. Sie war ein Goldstück. Sie war ordentlich, sprachgewandt und als Fünftes von sechs Kindern gewöhnt, sich anzupassen. Also dachten wir in unserem Übermut, wie haben einen Haufen Platz, also warum nicht noch einem Kind die Möglichkeit bieten, in einer schönen Umgebung inmitten einer intakten Familie aufzuwachsen. Dann kam der Anruf und es war nichts mehr so, wie es mal war.

Es sollte eine Kurzzeitpflege werden, ein kleines dreijähriges Mädchen, leicht entwicklungsgestört, mit Rückkehroption in die Herkunftsfamilie.

Es war der Anfang einer Odyssee von Liebe, Freude, Verständnis, Wut, Ohnmacht und Trauer. Es war der Beginn eines kleinen, gewachsenen und schon verdorbenen Lebens, welches uns anvertraut wurde, um sie zu lieben, zu erziehen, zu pflegen. Es ist die Geschichte eines schwer traumatisierten kleinen Mädchens, welches mit uns in die endlosen Mühlsteine der Gesellschaft gerissen wurde.

Burg „zuHause“ und seine Bewohner

Am Rande eines hübschen Städtchens, welches nicht zu groß und nicht zu klein war, befindet sich Burg „zuHause“. Sie ist eine recht ungewöhnliche Behausung. Mit allerlei Volk, das es bewohnt, unter anderen dem Burgherrn und seiner Gemahlin. Sie bewohnen den großen Mittelteil der Burg mit ihren Knappen und Jungfern. Nicht alle Mädchen gebar die Burgherrin, zwei der Jungfern erfahren bei ihnen Liebe, Hege und Pflege, als Ersatz für ihre Eltern. Wir nennen sie hier Jungfer von JanzWeitWech und Jungfer von DingsBums. Jungfer von JanzWeitWech hatte im letzten Sommer ihren elften Geburtstag wogegen Jungfer von Dingsbums im Winter ihr achtes Lebensjahr begann. Neben diesen beiden Jungfern bewohnt noch Jungfer von Uns mit ihren pubertären dreizehn Jahren das bürgerliche Anwesen. Damit ist die Reihe der Nachkommen derer von Burg „zuHause“ nicht abgeschlossen. Wie es sich für einen richtigen Burgherren geziemt, gehört zum Erhalt der Familie natürlich männlicher Nachwuchs, der ganze Stolz der Burgeltern. Nicht nur einer, nein gleich zwei Knappen zieren ihre Burg. Der Älteste hat allerdings das elterliche Anwesen schon verlassen und begann eine Ausbildung weit weg von „zuHause. Nur selten ist er dort noch zu sehen, der Weg ins heimatliche Gefilde ist zu lang und zu „€urotisch“. Dagegen sieht es bei dem jüngeren Knappen von Uns so aus, als hält ihn ein starkes unsichtbares Band an die Burg. Trotz größtmöglicher Versuche, in die weite Welt zu gehen und Erfahrungen zu sammeln, bieten sich hier ausschließlich im Umland für ihn die Möglichkeiten für Zivistelle und Ausbildung. Natürlich auch zur Freude der Burgherrin, wäre sie doch sonst gänzlich befreit von den männlichen Teilen der Familie. Denn so erfreulich, wie es hier klingt, ist es leider keineswegs. Eine schlimme Dürre plagte das Volk im lieblichen Tal, um die Jahrtausendwende, sodass der Burgherr fortging, um für die Füllung der bürgerlichen Schatzkammer zu sorgen. Weit, sehr weit führte ihn sein Weg. Er versuchte es in den bajuwarischen Gegenden, in den badischen und in den württembergischen Weiten und fand sein Auskommen schließlich im wunderschönen Burgenland, jenseits der germanischen Grenze. Fortan sollte die Burgfamilie in Unstetigkeit und Aufregung leben.

Es war ein wunderschöner Sommertag, die großen Ferien begannen nach der Zeugnisübergabe. Ich war bei Jungfer von Uns und schaute mit gerührtem Blick, wie die stolzen Zweitklässler zu ihrem Lehrer aufschauten, um ihre Zeugnisse entgegen zu nehmen. Anschließend fuhren wir in die Stadt, ich hatte einen wichtigen Termin im Amt, es ging um die Übernahme von Jungfer von DingsBums. Viel hatte ich vorher noch nicht erfahren. Sie war eines von drei Geschwistern, ein sogenanntes Sandwichkind. Nach ihr kam noch ein kleiner Bruder, der gerade einmal ein Jahr jünger war als sie. Beide wuselten und stritten im Büro nebenan. Die Tür stand offen und so bekam ich mit, wie der Bruder in eine andere Pflegefamilie vermittelt wurde. Nachdem die Formalitäten erledigt waren, erhielt ich einen kurzen Einblick in die familiäre Situation. Es waren schlimme Zustände, die ich mir nicht vorstellen konnte. Jungfer von DingsBums sah erbärmlich aus. Als Erstes fielen mir die riesigen, großen, fragenden Augen auf, die tief in ihren Höhlen unter dunklen Augenringen lagen. Blasse, graue Gesichtsfarbe, total verschnittenes Haar, als hätten die Kinder untereinander Friseur gespielt. Das Kleid viel zu groß, die Schuhe viel zu klein. Der Schlüpfer rutschte ihr dauernd von den mageren Hüften, das personifizierte Elend hatte damit ein Gesicht.

Die Sozialarbeiterin brachte sie uns zum Auto und so begann sie, die Reise für Jungfer von DingsBums. Die ungewisse Reise in ihr neues Leben….

Der erste Tag auf der Burg „zuHause“

Ich kutschierte unsere bürgerliche Karosse mit dem großen, vielversprechenden Namen „Galaxie“ in Richtung Burg. Jungfer von Uns redete immer wieder freundlich auf Jungfer von DingsBums ein, aber diese schaute sie nur ängstlich und fragend an. Vor einem großen Gebäude, aus dem erheiterndes Kinderlachen und -schwatzen aus den weit geöffneten Fenstern drang, hielt ich an und holte Jungfer von JanzWeitWech aus dem Kindergarten ab. Diese wartete schon gespannt am Fenster auf mich und unseren Familienzuwachs. Flugs stiegen wir in die Karosse und eilig fuhren wir zur Burg. Jungfer von DingsBums mochte nicht laufen, also trug ich sie in unsere bürgerlichen Gemäuer und betrat die Küche über die Terrasse. Das Mittagessen war schon fertig und da unsere Bäuche schon verdächtige Geräusche von sich gaben, deckten die beiden größeren Jungfern schnell den Mittagstisch. Ängstlich und völlig geräuschlos verfolgte die Kleine das Geschehen. Es gab Spagetti mit Tomatensoße, ich wollte auf Nummer sicher gehen, es ist ein Gericht, was alle Kinder gerne essen.

Wir wünschten uns alle vier einen guten Appetit, als unsere Küchentür aufflog und Knappe von Uns der Jüngere, herein polterte. In seiner gewohnt schnoddrigen Art, er war damals ja erst 14, begrüßte er uns freundlich „was gibt’s zu essen“, holte sich einen Teller, schaufelte die Spagetti mit der Soße darauf und ließ sich geräuschvoll auf seine Stuhl fallen. Gerade gegenüber unserem neuen Familienmitglied. Sie zuckte panisch, aus ihrer Steifheit gerissen zusammen, zog ihren Teller zu sich und legte ihren Arm herum, als müsse sie ihr Essen beschützen. Wie es so seine liebenswürdig Art ist, grinste er sie über das ganze Gesicht an, „na Du?“ Und schaufelte binnen ein paar Minuten seinen Teller leer. Fasziniert und ungläubig schaute Jungfer von DingsBums zu, wie Gabel für Gabel im Mund unseres Knappen verschwand. Dann sprang er auf, Jungfer zuckte wieder zusammen und hielt ihren Teller fest, bis die Knöchel an den kleinen Fingern weiß wurden. „Muss weg!“ rief er noch, nahm seinen Teller räumte ihn weg und ward nicht mehr gesehen. Das alles geschah in nicht einmal 5 Minuten. Beruhigend sprach ich mit ihr und bat sie immer wieder, doch mal zu kosten, ich erntete nur ungläubige Blicke. Den beiden Jungfern wurde es zu langweilig und so baten sie mich, sich zurückziehen zu dürfen. Als sie dann aufstanden, zuckte dieses kleine ängstliche Wesen wieder zusammen und als wäre sie aufgewacht, fing sie an, immer noch den Arm weit um den Teller gelegt, die Nudeln regelrecht in sich rein zuschieben. Ohne zwischendurch Luft zu holen, fast ohne zu kauen, aß sie, bis der Teller leer war. Dann versteifte sie wieder. Behutsam nahm ich sie dann auf den Arm, sie lies es willenlos geschehen und schmiegte sich fest an mich. Das tomatenverschmierte Gesichtchen säuberten wir im Bad, aber mit dem Element Wasser stand sie auf Kriegsfuß. Als es ans ausziehen ging wurde sie steif wie ein Brett. Schnell lies ich von ihr ab und wollte ihr erklären, dass wir uns jetzt alle zur Mittagsruhe hinlegen. „Komm ich zeig dir dein Bett“, war dann der befreiende Auslöser. Die bis dahin angespannte Stille zerriss, als ein gellender Schrei die Burgmauern erschütterte. Bis ins tiefste Mark traf mich ihr Schrei, was hatte ich getan??? Später erst bekam ich raus, ich hatte das böse B-Wort ausgesprochen. Um sie zu beruhigen, nahm ich sie in den Arm. Sie lies es zwar zu, aber erst nachdem sie ihre Erstarrung gelöst hatte. Sie schrie zwar immer noch, mittlerweile waren wir in unserer Schlafkemenate angekommen und sie entspannte langsam, bis sie das B-Wort leibhaftig vor sich sah. Wieder hielt ich ein Brett im Arm. Als ich mich auf meinem Bett niederließ, kuschelte sie an mich. Das Summen einer kleinen Melodie und das langsame Wiegen beruhigte sie. Auf meine leisen Ansprachen reagierte sie überhaupt nicht. Sie starrte dumpf vor sich hin und verzog keine Miene. Wenn ich mit dem Wiegen aufhörte, schubste sie mich mit den Beinen an, so ein freundlicher Hinweis „mach weiter“. So brachte ich volle zwei Stunden zu. Meine Arme spürte ich kaum noch. Bei jeglicher anderer Bewegung, brachte sie mir ihren Unmut zur Kenntnis, mit Knurren und Schubsen. Dann endlich fielen ihr die Augen zu. Vorsichtig erhob ich mich, damit sie ja nicht aufwacht, und legte sie in ihr Bett, welches gleich neben dem Meinen stand. Sie riss die Augen auf und wieder durchdrang ein gellender, markerschütternder Schrei die Burg. Schnell kletterte sie wieder auf meinen Arm. Wieder begann ich mit dem Summen und Wiegen, sie klammerte sich an mich, erwürgte mich fast. Ihre kleinen dünnen Beinchen hingen fast mit am Hals, obwohl sie so ausgemergelt war, hatte sie eine ausdauernde Kraft. Dann kam dieses ängstliche, weinerliche Summseln. Da begriff ich, sie konnte nicht sprechen, sich nicht artikulieren. Bis dahin hatte ich nicht ein Wort von ihr gehört. Sie konnte mir nicht sagen, dass sie nicht ins Bett wollte. Es war unvorstellbar, wie viel Unglück an meinem Hals hing. Es war nicht nur das Kind, was schluchzte, es war ihre Seele, die weinte. Nie hab ich so eine tiefe Trauer gespürt, meine eigene Hilflosigkeit diesem Wesen in diesem Moment zu helfen. Da konnte auch ich nicht länger an mich halten, mir liefen die Tränen übers Gesicht. So hingen wir förmlich bei mir auf dem Bett zusammen und ließen unseren Gefühlen freien Lauf. Nicht wissend, aber einen kleinen Funken, nein nicht mal einen Funken, höchstens ein Elementarteilchen von Ahnung, was mich und meiner Familie die kommende Zeit erwartet.