Den zwölften Monat im Jahr würde ich ersatzlos streichen. Wieso war das Jahr eigentlich schon wieder zu Ende? Hatte es nicht gerade erst angefangen? In diesem Dezember nahm ich einige Kürzungen für die kleine Jungfer vor. Die Weihnachtsfeier im Kindergarten wurde gestrichen. Ich hab sie einfach zu Hause gelassen und Plätzchen mit ihr gebacken. Sie ahnte nicht einmal, dass es eine Weihnachtsfeier gab und so vermisste sie diese auch nicht. Da sie keinen Kontakt zu ihrem Vater hatte, fielen die unsäglichen Beutel mit Süßigkeiten dieses Jahr weg. Ihre Mutter bat ich, damit zurückhaltend zu sein. Diese Ansage befolgte sie gern. So behielten wir Jungfer unter Kontrolle. Auch das Weihnachtsfest war entspannter als das im letzten Jahr. Man merkte, dass sie älter wurde. Lediglich die Wochenenden waren immer noch unsere größten Herausforderungen. Die Strukturen sind am Wochenende andere, es wird später aufgestanden, es läuft alles ruhiger, nur die Essenzeiten sind dieselben wie im Kindergarten, aber die Rituale sind eben anders. Außerdem fehlt ihr die kontrollierte Beschäftigung, die die Erzieherinnen mit ihr leisteten. Doch an den Wochenenden haben auch die großen Jungfern ein Anrecht auf mich, die in der Woche durch die Schule schon auf mich verzichten müssen. Außerdem nimmt die kleine Jungfer in der Woche schon meine Aufmerksamkeit in Beschlag. Sie will natürlich auch in der Zeit zwischen Kindergarten und Abendbrot beschäftigt werden. Da sie mit den anderen Jungfern immer noch nicht zusammen spielen kann, ohne, dass die Fetzen fliegen, übernehme ich abends den Part. Das hat auch den Vorteil, dass ich das Spiel beenden kann zugunsten des Abendessens. Ohne weitere positive Aussichten, gäbe es bei Spielende regelmäßige Auseinandersetzungen, weil sie nicht aufhören möchte. Die Verlockungen auf Essen aber, sind einfach zu stark. Dem kann sie nicht wiederstehen. Wie weit ihre Fortschritte zu sehen waren, macht nichts deutlicher als die Abendbrotzeit.
Im Kindergarten erklärte man den Vorschulkindern die Uhr. Unsere kleine Jungfer war clever und ihr ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis signalisierte, „das brauchst du!“ Sie merkte sich die vollen und die halben Stunden. Wo zu welcher Uhrzeit die Zeiger standen, wenn es Mahlzeiten gibt. Da kam uns natürlich unser durchstruktuierter Alltag zu gute. Sie lernte unterbewusst nach der Uhr zu leben. Egal ob jemand Abend essen wollte oder nicht, Punkt achtzehn Uhr stand sie in der Küche und fing an den Tisch zu decken. Fragte alle ob sie mitessen wollten und egal wer in der Nähe war, ob Brot abgeschnitten werden können. Sie aß immer zwei Schnitten eine belegt mit Salami und eine mit Lyoner. Selten wich sie von ihrem Schema ab, kam etwas Neues auf den Tisch, lehnte sie erst einmal ab. Ich bot ihr dann immer erst einmal eine kleine Ecke von mir an, damit sie neue Geschmacksrichtungen kennenlernt. So konnte es schon passieren, dass sie, um mir einen Gefallen zu tun, das Gesicht jämmerlich verzog und sie mir sagte, wie gut das schmeckt. Es hat lange gedauert bis sie ihre wahre Meinung kundtun konnte und merkte, dass sie trotzdem ihr gewünschtes Essen bekam.
In den Therapiestunden gab es nur wenige Sternstunden für die Therapeutin. Eine Traumatherapie war mit ihr nicht möglich. So bereitete die Therapeutin sie auf die Besuchskontakte mit ihrer Mutter vor und arbeitete sie danach wieder auf. Sie versuchte ihr zu vermitteln warum sie nicht bei der Mutter und ihrer Schwester wohnte, dass ihr kleiner Bruder auch in einer Pflegefamilie wohnt. Warum sie manchmal so schlimme Alpträume hat und was man dagegen machen konnte. Es gab Stunden, da war ich dabei, doch meistens zog ich mich zurück und machte einen Stadtspaziergang. Für mich waren diese Tage immer gelaufen, ich war danach zu nichts mehr fähig, vor allem, wenn ich mit in die Therapie involviert war. Ich hatte die Stellvertreterposition für ihre Mutter übernommen und ich spürte, dass es mir gar nicht gut tat. Ich konnte es auch nicht richtig benennen, wie ich mich da fühlte, aber eine andere Psychologin sagte mir einmal, dass ich für mich nach der Therapie etwas tun müsse, damit diese Therapie nicht an mich rankommt, es ist nicht mein Trauma, aber durch die Therapie könnte es zu meinem Trauma werden. Ich konnte für mich nichts Richtiges finden, was ich als Therapieabschlussritual bezeichnen würde. Und so litt ich weiter von Therapie zu Therapie.
Die kleine Jungfer hat als Weihnachtsgeschenk eine von mir selbstgemachte Puppe bekommen, die fast so groß war wie sie selber. Es war die erste Puppe, die von ihr einen Namen bekam, „Emma“. Jungfer liebte ihre Emma abgöttisch und sie nahm sie in jede Therapiestunde mit. Und Emma musste leiden, sämtliche Wutausbrüche, lies sie an Emma aus. Sie schmiss sie durch die Gegend, boxte und verkloppte sie. Dann jedoch tröste sie Emma wieder. Es war die beste Idee die ich haben konnte. Emma war für Jungfer ein Segen.
Im Frühjahr war wieder Hilfplanung, die üblichen Besuche des Jugendamtes wurden absolviert, ich konnte von vielen kognitiven Fortschritten berichten. Doch eines bereite mir Bauchschmerzen. Jungfer wurde im Februar sechs Jahre alt, das bedeutet die Einschulung steht im Sommer bevor, wenn wir nicht die Zustimmung der Schulärztin bekommen, dass sie noch ein Jahr länger im Kindergarten bleiben kann. Das bedeutete wieder eine Begutachtung durch den sozialen Dienst.
Zur Einschulungsuntersuchung war die Leiterin der Kindertagesstätte zugegen. Zusammen konnten wir die Ärztin überzeugen, die Einschulung um ein Jahr zu verschieben. Wäre ich alleine gewesen, hätte es nicht so gut geklappt, Jungfer konnte tadellos auf alle Fragen antworten und wäre es nach der Ärztin gegangen, wäre sie schulfähig gewesen. Es war aber ein tolles Gefühl für mich, zusammen mit der Kleinen schon so viel erreicht zu haben. Wenn nur nicht ihre ständigen Ausbrüche wären.
Aufgeregt kam Jungfer von JanzWeitWeg in die Küche gerannt. Ihre Stimme überschlug sich fast und sie hielt mir ihre Polly Poket Collektion unter die Nase. „Siehst du, was sie damit gemacht hat? Siehst du das?“ Ich sah natürlich nichts, sie fuchtelte mit dem Kasten vor meiner Nase herum. „Halt doch mal still und erzähl langsam,“ bat ich sie. „Sie hat meine ganzen Polly Pokets zerschnippelt,“ schluchzte sie.
Jungfer von Uns kam ebenfalls aufgeregt in die Küche nickte heftig zur Bekräftigung, nicht viel später kam die laut heulende Jungfer von DingsBums. „Sie haben mir alles weggenommen,“ heulte sie mir entgegen. Danach ging das Theater erst einmal richtig los. Wutentbrannten schrien die großen Jungfern der kleinen Jungfer das begangene Unrecht entgegen. Sie hat gegen zwei elementare Regeln verstoßen, sie hatte sich an fremden Eigentum vergriffen und dieses dann auch noch zerstört. Sie forderten lautstark die Ahndung des begangenen Unrechtes. Ich schob die Großen aus der Küche und schritt zur Rechtsprechung. Dazu ging ich in die Hocke und sprach auf Augenhöhe mit der Täterin.
Ein Häufchen schluchzendes Elend stand vor mir. Unfähig irgendein Wort rauszubekommen. Ich erläuterte ihr das Unrecht was sie begangen hatte und erwartete ein bisschen Einsicht und Reue. Nichts, aber auch gar nichts sprach dafür, dass sie einsichtig war. Sie war plötzlich unheimlich still, die Lippen waren verkniffen und ein Blick versprach mir mindestens Tötungsabsichten. Dabei habe ich ihr noch nicht einmal das Strafmaß mitgeteilt, ich hatte nicht einmal eine Vorstellung, wie hoch dieses sein sollte. Ich bat sie ganz ruhig, sich doch bei Jungfer von JanzWeitWech zu entschuldigen. Das war nicht in ihrem Sinne, und sie begann ganz langsam mit knurren. Ich wusste nun was kam, das übliche Wochenendritual. Ich hatte darauf keinen Bock mehr, es lief immer nach demselben Schema ab. Sie regredierte wieder. Aus dem Knurren wurde ein leises Fiepen, die Füße fingen an mit scharren, erst ganz langsam. Ich sagte ihr, „versuch es gar nicht erst, du weißt wie das endet.“ Das scharren der Füße wurde nun heftiger, das Fiepen lauter. Die größeren Jungfern stürmten nun rein. „Was ist denn jetzt, was passiert mir ihr?“ Hilflos schaute ich die Mädchen an, ich zuckte die Schultern. „Zum Strafmaß bin ich noch nicht gekommen.“ „Aber sie hat doch alles kaputt gemacht.“ „Könnt ihr mir einen Tipp geben? Was soll ich jetzt machen? Ihr seht doch, sie ist jetzt nicht ansprechbar. Gleich geht das Geschrei los.“ Sie griff sich gerade den nächsten Stuhl, der in ihrer Nähe war und ruckelte daran. Sie hatte die letzten zwei Minuten einmal nicht unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. „Aber das kann doch nicht sein,“ jammerte Jungfer von JanzWeitWeg, „sie macht meine Sachen kaputt und wenn sie dann bestraft werden soll, macht sie ein Theater, als wäre ihr etwas passiert?“ Hilflosigkeit macht sich in mir breit. Ich hatte keine Ahnung, wie ich diese vertrackte Situation klären sollte.
Es ist tatsächlich ein Phänomen was ich beobachten konnte. Mal drastisch gesagt, der Täter fühlt sich als Opfer und führt sich auch dementsprechend auf. Wie soll man eine nunmehr Sechsjährige für ihr Vergehen zur Rechenschaft ziehen, wenn sie sich in ein Alter von zwei, drei Jahren flüchtet? Das Vergehen auch später zu ahnden, führte ständig zur gleichen Redregierung. Sie flüchtet vor den Konsequenzen ins Kleinkindalter.
Der Ausbruch der daraufhin erfolgte führte natürlich unweigerlich zu den üblichen Konsequenzen. Ich brachte sie in ihr Zimmer, dort tobte sie noch so lange, wie sie denkt Publikum zu haben. Sie weiß ja, dass sie wieder zu uns kommen kann, wenn sie sich beruhigt hat. Das tat sie dann auch. Wir, die beiden Jungfern und ich, sind immer noch voller Adrenalin, da steht sie dann grinsend in der Tür und fragt ob sie etwas zu essen bekommen könnte. Sie kann den Schalter einfach umlegen und im Gegensatz zu uns, einfach wieder zur Tagesordnung übergehen.
Wo ist meine Resettaste, ich will das auch können!
Mai 1, 2011 um 4:32 pm |
So eine Resettaste fehlt mir auch immer wieder. Ich glaube, die Funktion der Taste verschwindet irgendwann, wenn man “erwachsen” wird. Die schlimmsten sind die leiblichen Eltern, die ständig auf ihrer Resettaste rumhämmern und nicht begreifen, dass sie nicht merh funktioniert.
Mai 2, 2011 um 8:16 am |
Da hast du wohl ein wahres Wort gesprochen. Jungfers Mutter hat da nicht gehämmert, sondern gedroschen. Da musste ja alles in die Brüche gehen.