Durch die ansteckende Krankheit, verzögerte sich der Neubeginn im Kindergarten. Jungfer von DingsBums hummelte schon, sie hatte eine große Sehnsucht nach gleichaltrigen Kindern, außerdem ist bei uns nicht soviel Entertainment, wie sie es gerne hätte. Sie entwickelte eine neue Marotte. Vielleicht waren es auch noch die Nachwirkungen meiner Kehlkopfentzündung. Jungfer hatte beschlossen nicht mehr zu hören. Sie reagierte auf keine Stimme, nur auf direkten Blickkontakt gab es eine Reaktion von ihr. Selbst als ich ihr ein Stück Schokolade angeboten hatte, kam keine Reaktion von ihr. Darüber machte ich mir dann doch meine Gedanken. Also machten wir uns am nächsten Morgen auf den Weg zur Ohrenärztin. Wir mussten auch gar nicht lange warten. Sie war auch wieder ganz die süße Kleine. Aber hören wollte sie bei ihr auch nicht. Sie beantwortete ihr keine Fragen, aber sie strahlte über das ganze Gesicht und ihre großen Augen funkelten. Der Hörtest brachte es ans Licht, alles im grünen Bereich. Keine Schwerhörigkeit, die Schwester hatte sie ausgetrickst, ihre Fragen hatte sie beantwortet und das Piepsen und Summen im Kopfhörer gefielen ihr sichtlich.
Und dann kam der große Tag des Kindergartens und die Freude war übergroß. Ich hatte es ihr am Vortag gar nicht erzählt, sonst hätte sie vor Aufregung wieder die ganze Familie aufgemischt und mit dem Schlaf wäre es vorbei gewesen.
Sie kam in die Vorschulgruppe. Diese ist nicht altersgemischt, was für sie ein großer Vorteil war, da sie vom Intellekt mehr gefördert wurde. Sie war die Kleinste und abgesehen von dem anderen integrativen Kind, ein hübscher Junge mit ausgeprägtem Autismus, war sie auch am weitesten von einem Schulbeginn entfernt. Die erste Woche ging sie nur bis zum Mittagessen, zum schnuppern, aber es zeichnete sich schon ab, dass sie keine Berührungsängste hatte. Sie saß wieder bei jedem auf dem Schoß und wollte schmusen, streicheln und kuscheln. Neue Situation, Neubeginn, altes Muster. Wir waren wieder einmal am Anfang angelangt. Kleine Trippelschrittchen, die Ärmchen in Pfötchenstellung, meckerndes Lachen und die Kleinkindaussprache. Ich hatte die Leiterin und ihre Erzieherin schon vorher kontaktiert und ihre Problematik geschildert. Sie waren daher gewappnet. Wer gar nicht mit dieser Situation umgehen konnte, waren die Eltern der anderen Kinder. Es war ja auch schwer zu verstehen, sobald sich eine Mutter setzte, sprang ihr unsere Jungfer auf den Schoß. Anfangs fanden sie es ja noch niedlich, aber dann war es ihnen peinlich und auch lästig, vor allem, weil sie sich wie ein Kleinkind aufführt und das sah mit ihren fünf Jahren nicht mehr niedlich aus, sie machte einen sehr behinderten Eindruck. Die Erzieherinnen reagierten dann sehr vernünftige darauf und nahmen sie den hilflosenen Müttern ab. Auch bei ihren Ausbrüchen, hatten sie sie ganz gut im Griff. Im Gegensatz zum vorherigen Kindergarten, wusste man hier mit dieser Symptomatik umzugehen. Ein sehr beruhigendes Gefühl, so boten sie neben dem qualifizierten Personal auch noch Ergotherapie und Logopädie an. Für das kommende Jahr hatten wir das Kindergartenproblem gelöst. In diesem Kindergartenjahr sollte sie einen riesigen intellektuellen und motorischen Sprung machen. Konnte sie doch kaum malen, ihr fiel es sehr schwer Formen zu zeichnen. Mit der Schere arbeitete sie gern, aber sie konnte die Formen nicht ausschneiden, sie schnitt einfach wahllos darauf los. Am schwersten fielen ihr die menschlichen Körper. Wenn sie sie benennen wollte, sprach sie nie von Mann oder Frau, das waren Menschen und die kleinen Menschen waren eben die Kinder. Da kam uns ein neues Angebot der Kindergärtnerinnen sehr recht, erstmals boten sie in diesem Jahr Arbeitsgemeinschaften an. Jungfer war in jeder AG, ob Tanzen oder Malen, sie machte alles mit Hingabe. Solange sie nur beschäftigt war, hatte sie mit sich keine Probleme. Es war das ausgeglichenste Vierteljahr was wir je hatten. Und das hatten wir mit Blick auf das was kam, bitter nötig.
Also auf zur nächsten Baustelle, sinnbildlich gesprochen. Es kam der September. Das neue Schuljahr war schon in vollem Gang. Der Termin bei der Traumatherapeutin stand an. Wir fuhren ab sofort einmal wöchentlich dreißig Kilometer weit, um in ihre Praxis zu kommen. Die ersten Sitzungen fanden in Ersatzräumen statt, ihre eigene Praxis wurde gerade saniert. Die ersten Stunden waren sehr einfach. Da die Therapeutin sie kaum verstand, blieb ich anwesend und dolmetschte. Ich erfuhr auch von ihr, dass es ziemlich lange dauern kann, bis sich Jungfer öffnet, also haben wir gespielt, gespielt und gemalt, gemalt und wieder gespielt.
Zwischendurch hat sie immer mal wieder versucht einige Entspannungsübungen mit ihr zu probieren, aber sie ließ es nicht zu. Sie kann in einer fremden Umgebung nicht die Augen schließen, dies haben wir schon in der Ergotherapie erlebt. Sie kann sich nicht einfach fallen lassen und an etwas Schönes denken. Genauso ist es mit Berührungen. Wenn sie Fremde berühren wollten, reagierte sie abwehrend, für sich selber hat sie aber keine Berührungsängste mit Fremden.
Sie wehrte sich gegen jeglichen Therapieversuch und so spielten wir wieder oder malten. Mittendrin wurden Fragen nach ihren Eltern gestellt, ihren Geschwistern, der Pflegefamilie, dem Kindergarten, dem Lieblingsspielzeug. Wie oft sie in diesem Jahr diese Fragen beantworten musste?
Dann kam der Tag, wo die Therapie in den neuen Räumlichkeiten stattfand. Sie benahm sich völlig desorientiert, als hätte sie auch die Therapeutin das erste Mal wahrgenommen. Sie war weder zu einem Spiel noch zu einer anderen Betätigung zu bewegen. Sie erkundete die gesamte Räumlichkeit auf allen Vieren, Quadratzentimeter für Quadratzentimeter, es warf uns um Wochen zurück, die Kennenlernphase begann von Neuem. Für die Therapeutin war es eine wichtige Erfahrung mit ihr, erfuhr sie doch dadurch, wie stark ihr Sicherheitsbedürfnis und wie wichtig ihr die Strukturen waren. Ich nahm aus diesen Sitzungen mit, wie viel wir schon erreicht haben, nur weil wir ihr die Möglichkeit boten, täglich die gleichen Strukturen zu leben. Es war für unsere Familie schon eine Umstellung, die alltäglichen Verrichtungen zu immer der gleichen Uhrzeit zu erledigen. Im Nachgang konnte ich uns für diese Konsequenz nur beglückwünschen, da sie uns, dass so schon komplizierte Miteinander erheblich erleichterte.