Und wieder ist ein Jahr vorbei. Weihnachten war wie immer sehr stressig, nicht nur, weil wir es ruhig und besinnlich haben wollten. Jungfer wollte absolut nicht akzeptieren, dass auch der schönste Heiligabend einmal zu Ende gehen muss. Der Tag war sehr schön und friedlich gewesen. Sie war voller Erwartungen und es war auch kein Problem mit dem Mittagsschlaf, wusste sie doch, dass irgendwann abends der Weihnachtsmann kommt, aber sie kannte kein Ende und so endete es wieder einmal mit viel Tamtam, völlig aus der Besinnlichkeit herausgerissen. Silvester ist sie eingeschlafen, bevor das Jahr rum war und das war auch okay so. Ihr fünfter Geburtstag stand ganz im Zeichen der Prinzen und Prinzessinnen. Sie hatte von ihrer Mutter zum Geburtstag ein schönes, natürlich rosafarbenes Prinzessinnenkleid bekommen. Das trug sie nun täglich. Für mich war es nur gut, konnte ich ihr doch damit zu verstehen geben, dass Prinzessinnen sich auch dementsprechend benehmen müssen. Das war für sie vollkommen in Ordnung, aber sobald das Kleid aus war, hatte ich die „alte“ Jungfer wieder.
In diesem Frühjahr absolvierten wir mit Jungfer von DingsBums ein Mammutprogramm an Terminen.
Für den siebenten April fand eine Anhörung vor Gericht statt, um das Sorgerecht und den Umgang der geschiedenen Eltern mit ihren Kindern zu regeln. Um diese Anhörung vorzubereiten kontaktierte uns Ende März als Erster, der Verfahrenspfleger der Jungfer von DingsBums.
Er musste sie kennenlernen, um ihre Interessen dementsprechend vor Gericht vertreten zu können. Nach zwei Minuten schüchtern spielen, saß sie auch schon auf seinem Schoß, streichelte und küsste ihn. Es war bezeichnend für ihre Distanzlosigkeit. Wir unterhielten uns über ihren Werdegang, über ihre früheste Kindheit, ihre Schwächen und auch über die Fortschritte die sie natürlich auch gemacht hat. Sie wurde befragt, wie es ihr geht, wo sie denn gern wohnen möchte, ob bei ihrer Mutter oder bei uns, was sie sich denn gern wünscht, was im Kindergarten los ist und was sie denn gern spielt. Eine richtige Antwort auf die Fragen konnte sie kaum geben, er verstand sie einfach nicht, sie summselte in ihre Händchen und rollte sich auf seinem Schoß wie ein Kleinkind zusammen.
Über die Schwere ihres Entwicklungsrückstandes und über die Verhaltensproblematik des Mädchens verwundert, fragte er mich ob ich für Jungfer den doppelten Erziehungssatz bekommen? Meinen ungläubigen Blick folgende, empfahl er mir, einen Antrag auf Erhöhung des Erziehungsgeldes zu stellen, bei der Schwere und dem erhöhten Förderungsbedarf, würde mir auf alle Fälle der doppelte Satz zu stehen. Ich fühlte mich von ihm gut verstanden und hatte damit auch für Jungfer von DingsBums ein gutes Gefühl für die Anhörung. Eine Woche später kam auch das Jugendamt als Vormund, als Pflegekinderdienst, als Sozialarbeiter. Es wurden die gleichen Fragen gestellt, sowohl an Jungfer als auch an mich. Wieder wurde sie gefragt, wo sie denn gern wohnen möchte, wie es ihr geht, was sie am liebsten spielt. Auch die Mitarbeiterinnen des Jugendamtes verstanden sie kaum, obwohl sie schon sehr große Fortschritte gemacht hatte. Doch sobald Besuch nach Hause kam oder irgend etwas von ihrem strukturierten Alltag abwich, fiel sie sofort ins Kleinkindalter zurück, das ging soweit, dass sie alles Erlernte vergaß. Nach solchen Besuchen und Befragungen hatten wir große Probleme sie wieder in ihr normales Alter zurück zu bekommen. War es die große ungeteilte Aufmerksamkeit die sie während dieser Zeit genoss oder die Erinnerungen, die ständig wieder aufgewühlt wurden, sie benahm sich wie das Kleinkind welches sie war, als sie zu uns gekommen ist und es dauerte Tage, bis sie wieder in ihr physisches Alter fand. In diesem Monat war es besonders extrem, zu den Befragungen von Verfahrenspfleger und Jugendamtsmitarbeitern kam noch eine Begutachtung in einer Tagesklinik. Was für sie bedeutete, dass sie in diesem Monat das dritte Mal auf die gleichen Fragen antworten musste. Die Tagesklinik wurde vom Jugendamt vorgeschlagen, um festzustellen, ob und wie Jungfer noch besser gefördert werden konnte. Doch es stellte sich heraus, dass die Tagesklinik ungeeignet für sie ist. Sie war für Kinder gedacht, die keinen geregelten Alltag kennen. Dies ist nun keinesfalls ihr Problem, denn wenn jemand seine Strukturen liebte, dann war sie es. Im Gegenteil, ihr Problem waren die nicht festgelegten Strukturen, wie Wochenenden, wo auch wir einmal das Bedürfnis hatten, länger als bis um sechs zu schlafen oder auch Urlaub, diese Umstellung macht ihr auch zu schaffen.
Dann kam der Gerichtstermin, er fand ohne die Kleine statt. Dafür meldete sich die Richterin bei uns zu Hause zu einer Kindesbesichtigung an. Obwohl es noch eine Besichtigung war, war mir diese Option sehr sympathisch, zeigte es doch, wie viel Feingefühl die Richterin besaß. Bei einer Tasse Kaffe und Kuchen unterhielten wir uns locker über die Kinder und so ganz nebenbei stellte sie ihre Fragen an Jungfer, ohne dass sie merkte, dass sie eigentlich der Mittelpunkt des Besuches war. Und die Richterin ordnete an und was? Natürlich eine Begutachtung. Ich durfte mich monieren, meine Bedenken vorbringen. Ich habe diskutiert, ich habe mit dem Pflegekinderdienst gesprochen, ich habe mit der Richterin gesprochen, wir hatten keine Chance, wir sind ja nur Pflegeeltern. Die Richterin klang für mich ja auch glaubhaft, sie musste sich rechtlich absichern, aber auf Kosten der Kinder? Wir dürfen und müssen die Kinder auffangen, die durch die Mühlen der Justiz gingen.
Die Begutachtung fand dann ziemlich zeitnah im Juli statt. Wir wurden sehr intensiv befragt, durch dieses Erzählen über doch einen Zeitraum von zwei Jahren, stellten wir erst einmal fest, was wir eigentlich geleistet hatten. Dies wurde uns auch von der Psychologin bestätigt. Und auch, was unsere kleine Jungfer schon aufgeholt hatte. In den zwei Stunden erhielt sie die Essenz von zwei schweren anstrengenden Jahren. Anschließend widmete sie sich der Hauptperson, mit ihr sprach sie alleine. Wo sie gern leben möchte, wie es ihr bei den Besuchskontakten geht, wie sie sich bei uns fühlt. Was für die Gutachterin wichtig war, war der Missbrauchsvorwurf gegen den leiblichen Vater. Dieser wurde nochmals mit ihr alleine zur Sprache gebracht und bestätigt. So konnte ein Besuchskontakt mit ihm konsequent ausgeschlossen werden. Außerdem empfahl sie eine Traumatherapie für Jungfer von DingsBums, sie gab mir auch gleich die Telefonnummer für die Therapeutin mit. Nach Rücksprache mit dem Jugendamt, vereinbarte ich einen Termin mit der Psychologin für September.
Nach dem Termin mit der Richterin, kam einen Monat später der Termin mit der Amtsärztin. Sie sollte den Antrag auf einen integrativen Kindergartenplatz befürworten. Dem konnte sie guten Gewissens stattgeben. So, wechselte sie im Juli den Kindergarten. Die Situation im alten Kindergarten hatte sich nicht entspannt. Die für sie zuständige Erzieherin war mit ihr total überfordert. Mit dem Kitawechsel fiel die Frühförderung von außen weg. Es fand mit der Therapeutin, der Jungfer und mir ein begutachtendes Gespräch statt. Wir waren übereinstimmend der Meinung, dass Jungfer sehr viel gelernt hatte. Es ist zwar noch sehr viel, was sie nachholen muss, aber gemessen an dem was sie vor zwei Jahren mitgebracht hat, hat sie sehr schnell aufgeholt und das lässt für die künftigen Jahre hoffen. Für uns war das Unwort des Jahres „Begutachtung“.
Doch vor dem Kindergartenwechsel, wollten wir noch in den Urlaub fahren.