Seele ist für uns etwas nicht Fassbares, etwas was man nicht sieht, was man nicht nachweisen kann und bis vor Kurzem in der modernen Gesellschaft für uns eigentlich auch nicht existierte. Schon bevor ich Pflegemutter wurde, beschäftigte ich mich mit dem Begriff „Seele“ und was es beinhalten soll. Eine befriedigende Erklärung konnte ich für mich nirgends finden.
Als wir unsere zweite Pflegetochter aufnahmen, musste ich mich intensiv diesem Thema stellen, um zu begreifen, zu erklären und zu handeln, warum sie gewisse Dinge macht oder auch nicht macht, warum sie so reagiert oder auch nicht reagiert, also warum sie in ihrem Alter so ganz anders ist, als andere Kinder. So nahm ich nach zwei Jahren intensiven Zusammenlebens mit ihr, an einer Weiterbildung teil, die Pflegeeltern zu sozialpädagogischen Pflegestellen ausbilden. Mein Abschlussthema war pubstrocken. Zum Oberbegriff: „Psychologische Besonderheiten“ war mein Unterthema: „Definitionen, Ursachen und Erscheinungsbilder von psychischen Störungen“. Wie will man über so etwas sprechen, oder sogar Störungen der Seele nachweisen.
Zu diesem Thema habe ich achtundzwanzig Seiten geschrieben. Es war mehr Fleißarbeit, als eine Möglichkeit, meinen Zuhörern zu erklären, was die Erscheinungsbilder von psychischen Störungen sind. Also hab ich sehr lange gesessen und gegrübelt. Da ich es auch noch mündlich vortragen musste, zerbrach ich mir den Kopf, wie ich die Zuhörer wachhalten konnte, da kam mir ein schönes Gleichnis zu Hilfe und als ich in den Herbstferien bei meinem ältesten Sohn den Auszug organisiert habe, fand ich gleich noch das Requisit dazu, eine schöne blank geputzte Spiegelkugel.
In einem „Buch der Seelen“, von Varda Hasselmann, beschreibt sie die Seele folgendermaßen:
Zitat:
„Psyche“ ist u. a. ein nicht-materielles Verdauungsorgan des Menschen, das Angst bewältigt und Realität spiegelt. Psyche kann unterschiedlich komplex sein und kann in dieser Hinsicht verglichen werden mit einer Spiegelkugel, die aus mehr oder weniger vielen Spiegelflächen besteht. Eine Kugel mit wenigen Spiegeln liefert ein sehr einfaches Bild der Realität, eine Kugel mit vielen Flächen, ein hochkomplexes Bild der Realität. Einsichtig ist, dass eine hochkomplexe Psyche Realität differenzierter darstellt, andererseits aber eher anfällig ist, verzerrte Abbilder von Realität zu bilden. Eine starke Verzerrung der Realität kann dazu führen, dass die Grundfunktion von Psyche zeitweise außer Kraft gesetzt wird, und Angst nicht mehr richtig verdaut wird.
Eine krankhaft arbeitende Psyche wird nicht nur Verzerrungen der Realität aufrechterhalten, sondern diese auch noch verstärken, so dass äußere Hilfe nötig wird, um Psyche zu ermöglichen, Angst wieder gesund verdauen zu können. Als Folge dieser Hilfe kann Verzerrung von Realität (die immer von Angst ausgelöst wird) dann auch wieder schrittweise abgebaut werden.“ Zitat Ende.
Die Spiegelkugel ist das optimale Sinnbild der Seele. Das war die zündende Idee für mich, ich holte die Spiegelkugel meiner Söhne aus der Versenkung und packte die Geschichte von den fiktiven Kindern Max und Maxi drum herum. Bewaffnet mit Klebeband, Spiegelkugel, Skript und mehr als einhundert Prozent Adrenalin, ging ich in das Kolloquium und begann meinen Vortrag von Max und Maxi:
In einer normalen, optimal funktionierenden Familie wird ein Kind geboren, ich nenne es hier Max;
Die „Seele“ von Max funkelt und strahlt wie diese Spiegelkugel. Hat er ein Bedürfnis, dann leuchtet ein bestimmter Bereich der Spiegelkugel von innen auf, da die Eltern dieses Bedürfnis nicht erkennen können, passiert Folgendes:
Max schreit – eine Facette blinkt auf -, Mama oder Papa kommen und trösten – Facette erlischt und strahlt wieder. So passiert es immer, wenn Max sich meldet und Bedürfnisse hat. Die Eltern spielen und sprechen mit Max – die Spiegelkugel strahlt, leuchtet und funkelt in seine Gesamtheit-, die Eltern ziehen sich in Reichweite zurück, – das Funkeln erlischt langsam -, Max spielt und brabbelt vor sich hin – einzelne Zonen der Kugel blitzen auf und erlöschen wieder -, Max übt das Gespielte und Gesprochen, durch das spielen der Eltern mit Max wurde der „Akku“ in der Kugel wieder aufgeladen und Max ist dadurch in der Lage, sich mit sich selber zu beschäftigen.
Nun wird Max wird größer, trotzig behauptet er seine Stellung in der Familie. Er schreit sich nach Süßigkeiten die „Kugel“ aus dem Leib, – einzelne Facetten blinken, bis sie blind sind -, die Eltern bleiben ruhig und warten, bis sich Max beruhigt hat. Max ist wieder ansprechbar, – einzelne Facetten sind blind -, die Eltern sprechen kindgerecht mit Max und kuscheln mit ihm. Durch die ruhige Art und die liebevolle Hingabe zu Max, wird der Schatten auf der Kugel „weggerubbelt“ und die Kugel ist wieder klar und funkelt. Max hat gelernt, er bekommt nicht alles, aber seine Eltern lieben ihn trotzdem.
Mit solchen Eltern und Erfahrungen hat Max gute Chancen auf eine altersgerechte Entwicklung, er baut Bindungen auf und Sicherheiten, er hat gelernt, dass seine Bedürfnisse erfüllt werden und dass das Leben auch Grenzen setzt, er aber trotz aller Hindernisse von seiner Familie geliebt wird.
Das ist der Idealzustand, was aber passiert Max, wenn er andere, nicht so verständnisvolle Eltern hätte?
Wie z.B. Maxi, ungewollt, ein sogenannter „Unfall“, ihre Kugel kommt schon nicht so strahlend auf die Welt, der Alkohol und das Nikotin haben ihr schon den Glanz genommen. Sie wurde gezeugt nach einem Diskobesuch, der Vater ist nicht bekannt, ihre Familie wandte sich von ihr ab. Sie wurde geboren in eine ungewisse Zukunft. Wenn sie in ihrem Bettchen immer und immer wieder nach Hunger schrie – blinkte eine Facette auf -, niemand kommt zum Trösten, – Facetten bekommt erste Risse. (Hirnforscher haben festgestellt, dass fünf Minuten schreien, bei einem Kleinstkind ein Trauma auslöst).
Maxi hat Bedürfnisse, – eine Facette blinkt auf -, niemand kommt zum stillen der Bedürfnisse, – Facette erblindet, „innere Lampe“ brennt durch. Maxi schreit, ihre Windeln sind voll, sie hat Hunger und sie will Wärme, – eine Facette blinkt auf -, die junge Mutter kommt genervt und fragt sie, was sie hat. Maxi kann natürlich nicht sprechen, schreit weiter, die Mutter und ihr Freund sind entnervt und schütteln sie, Maxi schreit weiter, sie stecken sie wieder ins Bett und in ein Zimmer, weit weg, – Facetten erblinden, „innere Lampen“ brennen durch-, Maxi ist vor Erschöpfung eingeschlafen.
Maxi will spielen, – die Spiegelkugel blinkt auf-, keiner kommt zum Spielen, Maxi brabbelt vor sich hin, spielt mit den Fingerchen und den Füßchen, spielt mit sich selber, macht ein „Selbststudium“, – Spiegelkugel leuchtet und funkelt, bis auf die schon erblindeten Stellen -. Durch das eigene Spielen und Brabbeln von Maxi lädt sie ihren Akku in der Kugel selber wieder auf, allerdings leuchtet und strahlt sie nicht so sehr, wie beim Spielen mit den Eltern, denn Maxi hat noch nicht soviel Liebe für sich, wie sie braucht, um die Kugel zum funkeln zu bringen. Der eigene Akku reicht gerade zum Überleben. Das bisschen Zeit, was die junge Mutter für ihre Tochter aufbringt, reicht nicht, um die Facetten zum Funkeln zu bringen.
Während dessen Max, innerlich strahlend durch seine kleine „große“ Welt marschiert und mit all seinen Sinnen seine Umwelt erspürt, sitzt Maxi eingekotet in ihrem Bettchen und lauscht vergnügt den TeleTubbis.
Um sie herum liegt schmutzige Wäsche und wenn sie die Händchen zwischen die Gitterstäbe des Bettchens steckt, kommt sie auch an das Toastbrot heran, neben ihr liegt ihre Flasche mit süßem Getränk. Ist eine Sendung alle, schreit Maxi laut auf. Es öffnet sich die Tür, herein kommt ein nach Alkohol riechender Mann mit einer glühender Zigarette in der Hand, freundlich grinst er sie an und fragt sie was sie nun schon wieder hat? Maxi schreit auf, hat Angst, sie kennt den Mann nicht, der dreht sich um und schreit nach der Mutter des Kindes, sie solle kommen und sich kümmern, entnervt kommt die Mutter, blafft Maxi an, sie solle ruhig sein, wechselt das Fernsehprogramm und verlässt das Zimmer. Maxi wimmert noch kurz, greift zu ihrer Flasche mit dem süßen Getränk, nuckelt intensiv daran herum und lässt sich vom Fernsehprogramm in den Schlaf hinüber gleiten, das ist Maxis Welt.
Ihre Spiegelkugel ist noch nicht ganz erblindet, aber weit entfernt vom strahlenden Leuchten der Kugel von Max. Da Maxis erste drei Lebensjahre sich so fortsetzen, hat sie gelernt, das Leben ist eine unsichere Sache, ich kann mich auf niemanden verlassen, also binde ich mich an keinen, ich nehme was ich kriegen kann, wer weiß, wann ich das nächste Mal Gelegenheit habe und ich nehme, wen ich kriegen kann, wer weiß, wann das nächste Mal jemand kommt und mir Zuwendung und Aufmerksamkeit gibt. Ich kann machen was ich will, auf die Anderen kann ich mich sowieso nicht verlassen. Maxis Kugel ist blass, gerissen, in den Rissen hat sich Plaque angesammelt. Kein Funkeln und Strahlen dringt durch diese Stellen. Von der Umwelt wird sie kaum wahrgenommen, so macht sie sich bemerkbar durch unartikuliertes Schreien, durch Krawall, durch Zerstörung, durch Verletzungen anderer Kinder, durch verwahrlostes Aussehen, durch große, tiefe, traurige Augen.
Was das für Maxi im späteren Alter an psychischen Störungen auslöst, brachte ich im Kolloquium vor, hier lasse ich es beiseite, denn Maxi wurde im Alter von dreieinhalb Jahren aus ihrer völlig verwahrlosten Familie genommen und fand das erste Mal in ihrem Leben ein richtiges Zuhause. Ich holte sie ab vom Jugendamt, die „Maxi“ ist keine Fiktion, diese, hier geschilderte Maxi gibt es wirklich.
Ich holte sie ab, aus einem für uns unvorstellbaren Leben und brachte sie in eine für sie anmutende „Märchenwelt“. Aus diesem Grund schrieb ich hier zwei miteinander verwobene Geschichten, die eine ist das Drama, um diese kleine, geschundene Seele, die andere ist das Märchen, welches natürlich keines ist, aber reingesetzt wurde in eine märchengleiche Welt, um die Extreme widerzuspiegeln, zwischen der Normalität in unserer Familie, eine Normalität, wie sie sich tausendfach in anderen Familien abspielt und den Problemen die sich mit der Aufnahme von Pflegekinder ergeben können.
Diese Geschichte hat sich vor langer, langer Zeit in einem fernen Land zugetragen und die vornehmen Namen unserer Kinder sind ein Zeichen ihrer edlen Herkunft.
Und so begann sie……………
Die Odyssee einer verletzten Seele 1. Teil
Leises Kinderlachen drang hinunter zum Haus. Es war ein wunderschöner, sonniger Tag, kein Wölkchen stand am Himmel, die Bienen und Schmetterlinge wogen sich auf den Blüten der Gräser im lauen Lüftchen. Wieder höre ich es verhalten lachen und kichern. Als ich langsam dem Geräusch näher kam, bot sich mir ein Bild der Zufriedenheit. Ein kleines, bildhübsches Mädchen lag in der Hängematte, ein Fuß auf dem Rasen sorgte dafür, dass die Matte sich hin und her wiegte. In der Hand einen Grashalm, ließ sie unsere Katze Männchen machen. Immer und immer wieder sprang sie nach dem Grashalm und das fand sie einfach zum Kichern. Als sie mich sah, freute sie sich und erzählte mir, wie sie mit der Katze spielte und wie sie sich darüber freute. Ihre Stimme überschlug sich fast und das bilden der Sätze fiel ihr sichtlich schwer. Ich setzte mich zu ihr auf die Hängematte und nahm sie in den Arm. Das leichte Hin- und Herwiegen beruhigte sie und so fing sie noch mal mit erzählen an und ich musste einfach zurückdenken, an die Zeit vor fast genau fünf Jahren, als ich den Anruf vom Jugendamt bekam.
Wir hatten im Frühjahr vor fünf Jahren ein kleines, sechsjähriges, allerliebstes Mädchen zur Pflege aufgenommen. Ihre Mutter hatte Probleme mit sich und ihren fünf Kindern und so wurden sie aufgeteilt. Sie war ein Goldstück. Sie war ordentlich, sprachgewandt und als Fünftes von sechs Kindern gewöhnt, sich anzupassen. Also dachten wir in unserem Übermut, wie haben einen Haufen Platz, also warum nicht noch einem Kind die Möglichkeit bieten, in einer schönen Umgebung inmitten einer intakten Familie aufzuwachsen. Dann kam der Anruf und es war nichts mehr so, wie es mal war.
Es sollte eine Kurzzeitpflege werden, ein kleines dreijähriges Mädchen, leicht entwicklungsgestört, mit Rückkehroption in die Herkunftsfamilie.
Es war der Anfang einer Odyssee von Liebe, Freude, Verständnis, Wut, Ohnmacht und Trauer. Es war der Beginn eines kleinen, gewachsenen und schon verdorbenen Lebens, welches uns anvertraut wurde, um sie zu lieben, zu erziehen, zu pflegen. Es ist die Geschichte eines schwer traumatisierten kleinen Mädchens, welches mit uns in die endlosen Mühlsteine der Gesellschaft gerissen wurde.
Burg „zuHause“ und seine Bewohner
Am Rande eines hübschen Städtchens, welches nicht zu groß und nicht zu klein war, befindet sich Burg „zuHause“. Sie ist eine recht ungewöhnliche Behausung. Mit allerlei Volk, das es bewohnt, unter anderen dem Burgherrn und seiner Gemahlin. Sie bewohnen den großen Mittelteil der Burg mit ihren Knappen und Jungfern. Nicht alle Mädchen gebar die Burgherrin, zwei der Jungfern erfahren bei ihnen Liebe, Hege und Pflege, als Ersatz für ihre Eltern. Wir nennen sie hier Jungfer von JanzWeitWech und Jungfer von DingsBums. Jungfer von JanzWeitWech hatte im letzten Sommer ihren elften Geburtstag wogegen Jungfer von Dingsbums im Winter ihr achtes Lebensjahr begann. Neben diesen beiden Jungfern bewohnt noch Jungfer von Uns mit ihren pubertären dreizehn Jahren das bürgerliche Anwesen. Damit ist die Reihe der Nachkommen derer von Burg „zuHause“ nicht abgeschlossen. Wie es sich für einen richtigen Burgherren geziemt, gehört zum Erhalt der Familie natürlich männlicher Nachwuchs, der ganze Stolz der Burgeltern. Nicht nur einer, nein gleich zwei Knappen zieren ihre Burg. Der Älteste hat allerdings das elterliche Anwesen schon verlassen und begann eine Ausbildung weit weg von „zuHause. Nur selten ist er dort noch zu sehen, der Weg ins heimatliche Gefilde ist zu lang und zu „€urotisch“. Dagegen sieht es bei dem jüngeren Knappen von Uns so aus, als hält ihn ein starkes unsichtbares Band an die Burg. Trotz größtmöglicher Versuche, in die weite Welt zu gehen und Erfahrungen zu sammeln, bieten sich hier ausschließlich im Umland für ihn die Möglichkeiten für Zivistelle und Ausbildung. Natürlich auch zur Freude der Burgherrin, wäre sie doch sonst gänzlich befreit von den männlichen Teilen der Familie. Denn so erfreulich, wie es hier klingt, ist es leider keineswegs. Eine schlimme Dürre plagte das Volk im lieblichen Tal, um die Jahrtausendwende, sodass der Burgherr fortging, um für die Füllung der bürgerlichen Schatzkammer zu sorgen. Weit, sehr weit führte ihn sein Weg. Er versuchte es in den bajuwarischen Gegenden, in den badischen und in den württembergischen Weiten und fand sein Auskommen schließlich im wunderschönen Burgenland, jenseits der germanischen Grenze. Fortan sollte die Burgfamilie in Unstetigkeit und Aufregung leben.
Es war ein wunderschöner Sommertag, die großen Ferien begannen nach der Zeugnisübergabe. Ich war bei Jungfer von Uns und schaute mit gerührtem Blick, wie die stolzen Zweitklässler zu ihrem Lehrer aufschauten, um ihre Zeugnisse entgegen zu nehmen. Anschließend fuhren wir in die Stadt, ich hatte einen wichtigen Termin im Amt, es ging um die Übernahme von Jungfer von DingsBums. Viel hatte ich vorher noch nicht erfahren. Sie war eines von drei Geschwistern, ein sogenanntes Sandwichkind. Nach ihr kam noch ein kleiner Bruder, der gerade einmal ein Jahr jünger war als sie. Beide wuselten und stritten im Büro nebenan. Die Tür stand offen und so bekam ich mit, wie der Bruder in eine andere Pflegefamilie vermittelt wurde. Nachdem die Formalitäten erledigt waren, erhielt ich einen kurzen Einblick in die familiäre Situation. Es waren schlimme Zustände, die ich mir nicht vorstellen konnte. Jungfer von DingsBums sah erbärmlich aus. Als Erstes fielen mir die riesigen, großen, fragenden Augen auf, die tief in ihren Höhlen unter dunklen Augenringen lagen. Blasse, graue Gesichtsfarbe, total verschnittenes Haar, als hätten die Kinder untereinander Friseur gespielt. Das Kleid viel zu groß, die Schuhe viel zu klein. Der Schlüpfer rutschte ihr dauernd von den mageren Hüften, das personifizierte Elend hatte damit ein Gesicht.
Die Sozialarbeiterin brachte sie uns zum Auto und so begann sie, die Reise für Jungfer von DingsBums. Die ungewisse Reise in ihr neues Leben….
Der erste Tag auf der Burg „zuHause“
Ich kutschierte unsere bürgerliche Karosse mit dem großen, vielversprechenden Namen „Galaxie“ in Richtung Burg. Jungfer von Uns redete immer wieder freundlich auf Jungfer von DingsBums ein, aber diese schaute sie nur ängstlich und fragend an. Vor einem großen Gebäude, aus dem erheiterndes Kinderlachen und -schwatzen aus den weit geöffneten Fenstern drang, hielt ich an und holte Jungfer von JanzWeitWech aus dem Kindergarten ab. Diese wartete schon gespannt am Fenster auf mich und unseren Familienzuwachs. Flugs stiegen wir in die Karosse und eilig fuhren wir zur Burg. Jungfer von DingsBums mochte nicht laufen, also trug ich sie in unsere bürgerlichen Gemäuer und betrat die Küche über die Terrasse. Das Mittagessen war schon fertig und da unsere Bäuche schon verdächtige Geräusche von sich gaben, deckten die beiden größeren Jungfern schnell den Mittagstisch. Ängstlich und völlig geräuschlos verfolgte die Kleine das Geschehen. Es gab Spagetti mit Tomatensoße, ich wollte auf Nummer sicher gehen, es ist ein Gericht, was alle Kinder gerne essen.
Wir wünschten uns alle vier einen guten Appetit, als unsere Küchentür aufflog und Knappe von Uns der Jüngere, herein polterte. In seiner gewohnt schnoddrigen Art, er war damals ja erst 14, begrüßte er uns freundlich „was gibt’s zu essen“, holte sich einen Teller, schaufelte die Spagetti mit der Soße darauf und ließ sich geräuschvoll auf seine Stuhl fallen. Gerade gegenüber unserem neuen Familienmitglied. Sie zuckte panisch, aus ihrer Steifheit gerissen zusammen, zog ihren Teller zu sich und legte ihren Arm herum, als müsse sie ihr Essen beschützen. Wie es so seine liebenswürdig Art ist, grinste er sie über das ganze Gesicht an, „na Du?“ Und schaufelte binnen ein paar Minuten seinen Teller leer. Fasziniert und ungläubig schaute Jungfer von DingsBums zu, wie Gabel für Gabel im Mund unseres Knappen verschwand. Dann sprang er auf, Jungfer zuckte wieder zusammen und hielt ihren Teller fest, bis die Knöchel an den kleinen Fingern weiß wurden. „Muss weg!“ rief er noch, nahm seinen Teller räumte ihn weg und ward nicht mehr gesehen. Das alles geschah in nicht einmal 5 Minuten. Beruhigend sprach ich mit ihr und bat sie immer wieder, doch mal zu kosten, ich erntete nur ungläubige Blicke. Den beiden Jungfern wurde es zu langweilig und so baten sie mich, sich zurückziehen zu dürfen. Als sie dann aufstanden, zuckte dieses kleine ängstliche Wesen wieder zusammen und als wäre sie aufgewacht, fing sie an, immer noch den Arm weit um den Teller gelegt, die Nudeln regelrecht in sich rein zuschieben. Ohne zwischendurch Luft zu holen, fast ohne zu kauen, aß sie, bis der Teller leer war. Dann versteifte sie wieder. Behutsam nahm ich sie dann auf den Arm, sie lies es willenlos geschehen und schmiegte sich fest an mich. Das tomatenverschmierte Gesichtchen säuberten wir im Bad, aber mit dem Element Wasser stand sie auf Kriegsfuß. Als es ans ausziehen ging wurde sie steif wie ein Brett. Schnell lies ich von ihr ab und wollte ihr erklären, dass wir uns jetzt alle zur Mittagsruhe hinlegen. „Komm ich zeig dir dein Bett“, war dann der befreiende Auslöser. Die bis dahin angespannte Stille zerriss, als ein gellender Schrei die Burgmauern erschütterte. Bis ins tiefste Mark traf mich ihr Schrei, was hatte ich getan??? Später erst bekam ich raus, ich hatte das böse B-Wort ausgesprochen. Um sie zu beruhigen, nahm ich sie in den Arm. Sie lies es zwar zu, aber erst nachdem sie ihre Erstarrung gelöst hatte. Sie schrie zwar immer noch, mittlerweile waren wir in unserer Schlafkemenate angekommen und sie entspannte langsam, bis sie das B-Wort leibhaftig vor sich sah. Wieder hielt ich ein Brett im Arm. Als ich mich auf meinem Bett niederließ, kuschelte sie an mich. Das Summen einer kleinen Melodie und das langsame Wiegen beruhigte sie. Auf meine leisen Ansprachen reagierte sie überhaupt nicht. Sie starrte dumpf vor sich hin und verzog keine Miene. Wenn ich mit dem Wiegen aufhörte, schubste sie mich mit den Beinen an, so ein freundlicher Hinweis „mach weiter“. So brachte ich volle zwei Stunden zu. Meine Arme spürte ich kaum noch. Bei jeglicher anderer Bewegung, brachte sie mir ihren Unmut zur Kenntnis, mit Knurren und Schubsen. Dann endlich fielen ihr die Augen zu. Vorsichtig erhob ich mich, damit sie ja nicht aufwacht, und legte sie in ihr Bett, welches gleich neben dem Meinen stand. Sie riss die Augen auf und wieder durchdrang ein gellender, markerschütternder Schrei die Burg. Schnell kletterte sie wieder auf meinen Arm. Wieder begann ich mit dem Summen und Wiegen, sie klammerte sich an mich, erwürgte mich fast. Ihre kleinen dünnen Beinchen hingen fast mit am Hals, obwohl sie so ausgemergelt war, hatte sie eine ausdauernde Kraft. Dann kam dieses ängstliche, weinerliche Summseln. Da begriff ich, sie konnte nicht sprechen, sich nicht artikulieren. Bis dahin hatte ich nicht ein Wort von ihr gehört. Sie konnte mir nicht sagen, dass sie nicht ins Bett wollte. Es war unvorstellbar, wie viel Unglück an meinem Hals hing. Es war nicht nur das Kind, was schluchzte, es war ihre Seele, die weinte. Nie hab ich so eine tiefe Trauer gespürt, meine eigene Hilflosigkeit diesem Wesen in diesem Moment zu helfen. Da konnte auch ich nicht länger an mich halten, mir liefen die Tränen übers Gesicht. So hingen wir förmlich bei mir auf dem Bett zusammen und ließen unseren Gefühlen freien Lauf. Nicht wissend, aber einen kleinen Funken, nein nicht mal einen Funken, höchstens ein Elementarteilchen von Ahnung, was mich und meiner Familie die kommende Zeit erwartet.